MÖRDERHÄNDE   PICATRIX   HOME   

 

"Saubere Hände, weiche Hände von der unablässigen Feuchtigkeit, rote Hände vor Arbeit und Kälte, Hände mit großen Fingern, mit rissigen und verhornten Fingernägeln, die immer einen schwarzen Rand haben, trotz aller Seife und heißen Wassers, trotz des heißen oder eiskalten Wasserstrahls, unter dem die roten Hände sich höhlen und reiben, so aufgeweicht, dass sie sich wie rohes Fleisch anfühlen, so bleich wie die Hände eines Kranken, was gar nicht zu ihrer Größe und der stählernen Kraft ihrer Finger passen will, die gewohnt sind, zuzudrücken, herauszureißen, sich wie Krallen in die schuppigen offenen Bäuche zu graben, um mit einer einzigen schnellen Bewegung die Innereien zu entfernen: schnelle, erfahrene, tüchtige und grausame Hände, Hände, die glitschige Kisten stemmen, die vor Feuchtigkeit, fettigem Schmier und Fischglibber kaum zu halten sind, Hände, die sich in Augenblicken der Untätigkeit ineinander verhaken und unter der schmutzigen Schürze wringen, nervös, deformiert, vor lauter Arbeit gealtert, durch die Berührung von rauen Oberflächen und feuchten, kalten Gegenständen, die stachlig sind, gehärtet in der Kälte der Eiskammern, Hände, die viel älter und gefurchter sind als das Gesicht, als seien sie auf einen viel zu jungen und scheinbar schwachen Körper gepfropft, die die tägliche Tortur der Arbeit und des Geruchs nicht leugnen können, vor allem des Geruchs, der überall haften bleibt, an einem Glas, an Münzen und Geldscheinen, am Knopf in einem Fahrstuhl, an der Schneide eines Klappmessers, der die Luft verpestet und nie ganz aus der Kleidung verschwindet, aus den Haaren, von der Haut, trotz aller Seife und Duftwässer und manischen Waschgewohnheiten, die Hände unter Wasser, rot und aufgeweicht im Waschbecken, aus dem Dampf, den Nebeln aufsteigend, tropfend wie dem Wasser entstiegene, einander ähnelnde Tiere, fleischige Meeresgeschöpfe wie Kalmare, Kraken, Rochen, Tintenfische und Seeteufel, Hände, die in Fischkästen stecken, abgeschnitten und ausgelegt, amputiert, ein Ende noch blutig wie die Innenseiten eines Fischleibes, der mit einem einzigen Beilhieb in der Mitte durchgetrennt worden ist, Hände, die sich von allein bewegen, suchen, den Menschen fortzerren, der sich wie an sie angenäht fühlt, still und wachsam, bleich liegen sie im Dunkel der Schlaflosigkeit auf dem Bett, fordern etwas, ziehen, legen sich vor dem Spiegel aufs Gesicht, mit gespreizten Fingern, zwischen denen die Augen wie durch Gitterstäbe hervorschauen, dem Anschein nach gewöhnliche Hände, anderen von der Arbeit misshandelten und verhärteten Händen ähnlich, namenlose Hände, im Innern der Jackentaschen wie unter Kapuzen verborgen, sich windend und faltend wie die scharflkantigen Gelenkbeine eines Krebses, mit Fingerabdrücken, die überall haften bleiben, genau wie der Geruch, ebenso unauslöschlich auch, sodass man sie besser in Gummihandschuhen verbirgt, damit nur die roten Druckstellen der Finger zu sehen sind, das Negativ gespreizter Finger auf einer Haut, in die sie sich so leicht hineindrücken wie in frischen Ton, die zerkratzt werden kann von diesen Fingern mit ihren verhornten, rissigen Nägeln, an denen immer noch der Geruch wahrzunehmen ist, wenn man sie dicht vor die Nase hält, trotz Seife und rasenden Schrubbens: Hände, die im Finstern suchen, packen, reißen, zerteilen, die feucht und klebrig an die Oberfläche kommen wie aus einem aufgeschlitzten Fisch, die Lippen und zusammengepresste Zähne auseinanderreißen, einen Mund verschließen, wenn sich ihm ein Schrei zu entringen droht, und hinterher bleibt er offen und man hört nichts, genau wie die aufgerissenen Augen mit dem gläsernen Glanz im Vollmondlicht nichts mehr sehen; Hände, die hinterher keine Spuren mehr aufweisen von dem, was sie getan haben, ruhige Hände, die bewegungslos auf den Tresen der Bars liegen, von anderen, unwissenden Händen gedrückt werden, ganz gewöhnliche Hände, die jedem gehören könnten, kaum Abdrücke hinterlassen, unsichtbare Hände, automatische Hände bei wiederholten Bewegungen und Fertigkeiten, Hände, deren Erinnerung zweifellos mächtiger ist als die der Augen, immun wahrscheinlich gegen Reue, ein eigentümliches Gefühl von Weichheit, von nachgiebigem Fleisch, lebender Materie, eingerissen und auseinander gerissen wie ein Kiemenspalt, in den die Klauen der Fingernägel sich hineinschlagen, den sie durchbohren und auseinander reißen, unbekannte, gefährliche, verräterische, bespritzte Hände, in Taschen vergraben, voller Ungeduld, den sicheren Ort der Strafvereitlung zu erreichen, sich fromm aneinander gelegt unter dem heißen Strahl des Wasserhahns zu krümmen, sehr heiß, damit sich alles löst, so heiß, wie andere Hände es nicht aushalten könnten, Hände, die sich im Seifenschaum winden und wringen, abgespült werden und noch einmal in der Lauge ausgewrungen und dann dem dampfenden Strahl unterworfen werden, der alles vernebelt, während die Hände anschwellen und sich röten, die Farbe eines gekochten Krustentiers annehmen, danach noch kräftiger, noch zorniger mit dem körnigen Stoff eines Handtuchs abgerubbelt werden, dass es unmöglich scheint, noch eine Spur von Geruch an ihnen zu finden, und dennoch, etwas ist noch da, unauslöschlich, nicht der Geruch von Blut oder Schweiß oder Speichel oder Kinderwäsche, sondern dieser andere Geruch, der immer da ist, der Fischgeruch, den man an den Fingernägeln riecht, an dem schwarzen Rand unter der Wölbung, in den Spalten der rissigen Haut"

 

 

Die Augen des Mörders - von Antonio Munoz Molina 1997 Rowohlt Taschenbuch Seite 254