Julius Sonntag,
Literaturwissenschaftler an der Universität Kiel*,
schreibt in seiner 1985 erschienenen Monographie über die Literaturszene des Vormärz
"Mehr Licht - Vormärz und Nachapril", 1985:

 

GEORGE SAND AUF DEN LIPPEN, HAHN-HAHN IN DER TASCHE

Ida Marie Luise Gustave Gräfin von Hahn-Hahn wird am 22.6.1805 in Tressow (Mecklenburg) als erste Tochter der Gräfin Sophie (geborene von Behr) und des Grafen Karl von Hahn geboren.
1809 wird die Ehe der Eltern geschieden, Karl von Hahn wird entmündigt. Familienehre und -vermögen der alten mecklenburgischen Adelsfamilien haben durch die manische Theaterleidenschaft des Grafen schweren Schaden genommen.
Die Mutter zieht mit ihren vier Kindern nach Rostock, dann nach Neubrandenburg und schließlich nach Greifswald, wo Ida zur Schule geht und 1826 ihren Vetter, den Grafen Friedrich von Hahn-Basedow heiratet.
1829 wird die Ehe aufgelöst. Sie nimmt ihren Mädchennamen wieder an. Ihre taubstumme und geistig behinderte Tochter Antonie wird geboren.
Nach einigen Gedichtbänden veröffentlicht sie 1838 mit "Ida Schönholm" ihren ersten Roman, der ein beispielloser Erfolg wird. Eine ganze Generation junger Frauen erkennt sich in Ida-Ida wieder, die von sich sagt: "Meine Seele ist von der Art, daß sie gewinnt, wenn die Schleier fallen. Ich stelle mich nicht zu hoch, ich weiß sehr wohl, daß es Millionen schönere Weiber gibt, tausend klügere, einige bessere, allein was Herz und Phantasie betrifft, so suche ich wieder unter Millionen meinesgleichen."

1839 schreibt sie ihren zweiten, ebenso erfolgreichen Roman und absolviert die obligatorische Italienreise. Dann bereist sie ganz Europa. Schließlich den Orient, das höchste der Gefühle! Eine deutsche Adlige unter Muselmanen! Eine emanzipierte junge Frau nächtigt im Zelt der Beduinen! Die Berichte über ihre Reisen sind Bestseller. Fürst Pückler macht ihr den Hof. "Humbold erweist ihr die größte Aufmerksamkeit". Sie ist prominent.

"Berlin ist groß und wimmelt zu allen Zeiten von Literaturfreunden beiderlei Geschlechts; dilettierende Lieutenants, sentimentale Jungfrauen im Schiller-Stadium und emanzipationssüchtige mit George Sand auf den Lippen und der Hahn-Hahn in der Tasche", schreibt der junge Theodor Fontane.
Ihre Eitelkeit ist ein vielbesprochenes Thema, ebenso ihre Bescheidenheit, ihre Schönheit wie ihre Häßlichkeit, ihre Libertinage wie ihre Prüderie, ihre angebliche Liebe zu Frauen, zu Beduinen, zu Demokraten, zu Reaktionären - die Gräfin irrisiert.
Nun ist sie sehr prominent.

1840 kommt die Wende. Im Verlauf einer tragischen Liebesgeschichte unterzieht sie sich einer Augenoperation. Plötzlich fühlt sie sich durch einen bis dahin als "charmant" empfundenen leichten Silberblick entstellt- und verliert das linke Auge. Ihre Reisetätigkeit nimmt manische Züge an: "Es treibt mich hinaus. Flucht! Flucht!" Wieder fährt sie in den Orient, für ein ganzes Jahr diesmal. Smyrna, Beirut, Damaskus, Jerusalem. Sie bleibt einige Monate in Ägypten.
1844 erscheinen die vierbändigen "Orientalischen Reisebriefe". Neue Reisen, in den Norden, nach Irland, nach Sizilien und Spanien. Gehetzt durcheilt sie Europa - und kapituliert 1850. Die Flucht ist mißlungen. Die Gräfin aus altem protestantischem Adel bittet darum, in die Katholische Kirche aufgenommen zu werden.
1851 distanziert sie sich von allen vor ihrer Konversion geschriebenen Werken und versucht Neuauflagen zu verhindern.
1854 gründet sie nach einem Noviziat im Kloster Angers das Stift "Zum guten Hirten" in Mainz, als Rettungsstätte für unverheiratete Mütter und finanziert es aus eigenen Mitteln. Sie lebt selbst im "Guten Hirten", in einer kleinen Kammer wie die gefallenen Mädchen. Sie schreibt nun Mariengedichte und historisch-apologetische Schriften.
1860-80 kehrt sie zum Roman zurück und verfaßt vierzehn "katholische Romane."
1880 stirbt sie.