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J.Sonntag   V.Freitag

Jena. DDR-Zeit.
Der Privatdozent am Medizinhistorischen Institut Vassili Freitag empfängt einen Literaturwissenschaftler aus Kiel, Julius Sonntag. Deutsch-deutsche Reserviertheit, dahinter Sympathie und ein tiefgehendes gemeinsames Interesse: Sehen.
Sonntag schreibt an einer Monographie über den Vormärz und die Bürgerliche Revolution 1848. Freitag hat über Dieffenbach, den Berliner Augenchirurgen und Begründer der kosmetischen Chirurgie promoviert.
Bei Dieffenbach hat sich Ida Hahn-Hahn* einer Schieloperation unterzogen und dabei ein Auge verloren. Sonntag möchte wissen, ob Dieffenbach gepfuscht hat.

 

Schielen galt bei vielen Völkern seit ältester Zeit als Zeichen des Bösen Blicks. Auch heute sagt man ja noch: "jemanden scheel ansehen."
Das heißt: jemanden schielend ansehen. Wer schielte hatte also ein saures Leben. Allerdings sagte man auch von den Einäugigen, sie hätten den Bösen Blick. Ihre Gräfin kam also vom Regen in die Traufe.

Dieffenbachs Methode der Schieloperation war eine Abwandlung, eigentlich die Umkehrung, der Klumpfußoperation, also eine Entkrüppelungs-
methode. Aufs Auge übertragen wurde sie, wenn man den schlechten Ruf der Schielenden bedenkt, zu einer Entdämonisierungmethode.

Ein genialer kleiner, fast unblutiger Sehnenschnitt, und der musculus oculi abducens, der Muskel der den Augapfel nach außen zieht, war nicht mehr länger der "Neider, Neidhammel oder Scheelsüchtige." So hieß er nämlich in der älteren deutschsprachigen Anatomie.

Dieffenbachs Ruf war nach der Hahn-Operation ruiniert. Er war verbittert über die Reaktion in der Öffentlichkeit.

Nach 1500 erfolgreichen Operationen eine mißlungene und die Meute fiel über ihn her.

Freitag und Sonntag freunden sich an.
Sooft er kann, kommt Sonntag nach Jena. Freitag führt ihn durch sein Geviert: Medizinhistorisches Institut, Optisches Museum, Zeiss-Planetarium und Medizinische Universitätsklinik, das Zentrum der Hypnose-Forschung in der DDR.

Von Hypnose, die sich als Freitags Lieblings-Thema herausstellt, versteht Sonntag nichts, aber er weiß, daß Hypnotiseure und Magnetiseure, Jettatori und Faszinatoren in der Literatur der Romantik eine wichtige Rolle gespielt haben.
Freitag führt ihn in die Bibliothek der Medizinischen Universitätsklinik, deren Prunkstück ein Buch ist, von dem nur ein einziges Exemplar verkauft worden sein soll: "Vom Schlaf und analogen Zuständen" von Ambroise Augustin Liébeault, 1866 erschienen, gilt als grundlegend für die sogenannte Schule von Nancy und den modernen Hypnotismus insgesamt.
Das Buch kam 1872 als Beutegut des deutsch-französischen Krieges nach Jena, wurde in einer langen Traditionslinie weitergereicht und landete schließlich bei einem gewissen Mohnheim.
Dieser Name wird von Freitag mit deutlichem Respekt in der Stimme ausgesprochen. Mohnheim hat das Buch der Bibliothek geschenkt.

 
 

SONNTAG:
Ich besitze auch ein Buch, von dem offenbar nur ein Exemplar existiert. Keine große Bibliothek hat es, keine Bibliographie verzeichnet es. Ein Archäologe namens Ed.van Waaren hat es geschrieben. Das Buch heißt "Pyrophilus. Aufgaben einer künftigen Sinnenwissenschaft als Bedeutungskartell." 1843 erschienen. Ein schönes Buch. Ein komisches Buch. Dieser van Waaren, von dem ich nur weiß, daß er Mitglied des Archäologischen Instituts in Rom war - das steht auf dem Titelblatt - hat seinem Buch ein Motto vorangestellt, das heißt: "Vermutung: wir erblinden."

 

Der "Pyrophilus" (Feuerliebhaber) handelt von den fünf Sinnen, die nicht nur ein eigenwilliges "Bedeutungskartell" bilden, sondern auch neu definiert werden.
Der Riechsinn, der Sehsinn, der Hörsinn, der Eigensinn und der Gemeinsinn sind nach van Waaren "Einstülpungen" der "Ausformungen" Nase *nas-, Auge *oku- , Ohr *ausan-, Haut *(s)keut- und Herz (oder "Seele") *kerd-.
"Die Formen", schreibt van Waaren, "die diese Sinne angenommen haben, oder die ihnen von ihrer jeweiligen Polarität aufgedrungen - eingebildet - wurden, sollen uns mehr beschäftigen als das, wozu sie angeblich dienen." (S. 4)
"Die Nase als Ragendes, das Auge als Kugliges, das Ohr als Gewölbtes, die Haut als Ausgespanntes, die Seele als Pulvriges (Ausgestreutes) - begreifen!" (S. 6)

 

Freitag interessiert sich sehr für dieses Buch, so sehr, daß Sonntag zögert, es mit nach Jena zu bringen. Ihre Freudschaft ist von Besuch zu Besuch enger geworden, aber Sonntag hat das unerklärliche sichere Gefühl, daß Freitag den Pyrophilus behalten würde, wenn er ihn einmal in der Hand hätte; in einem Akt der Konfiskation. Deshalb läßt er das Buch lieber zu Hause, "im Panzerschrank Westen", und trägt nur sehr spärliche Fragmente in Form auswendig gelernter Passagen in die DDR, die Freitag ebenfalls auswendig lernen muß. "Alles echt. Eins zu Eins." Ob er sie sich später aufschreibt, weiß Sonntag nicht; aber daß alles wenigstens einmal sorgfältigt memoriert wird, kann er kontrollieren.

FREITAG:
"Philologie und Physiognomik", sagt van Waaren, "die Lehre von der Bilderschrift und der Gesichtsschrift, werden eines fernen Tages zu einer Lehre vom Aussehen führen.
Dann wird uns das Eben-Bild erscheinen. Dann wird man verstehen, was ein Bild ist und warum die Lautgestalt bil-d in den Anfängen unserer und jeder der unsrigen verwandten Sprache "Unterschied" bedeutet.
Man wird auch verstehen, warum blin-d nichts anderes als eine Verstellung von bil-d ist: aber wie könnte die Verstellung von "Unterschied" heißen?
Grundzüge einer Methodik zur Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen möchte meine Schrift bereitstellen, um mit ihr die Aufgaben einer künftigen Sinnenwissenschaft zu umreißen.
Zwischen der heutigen Zeit und einer kommenden, die den Ursinn von
bil-d als Unterscheider beherzigt, wird allerdings ein Ozean von Bildern liegen, eine Wüste von Bildern, ein Luftmeer voller Bilder, und wie Mühlsteine in den Wellen, wie Brunnen in den Dünen, wie Rauch in den Winden werden unsere Sinne in Bildern versinken.
Wir werden erfahren, daß wir Bilder nicht mehr unterscheiden können. Wir werden den Unterscheider verloren haben und ersetzen müssen. Ersatz kommt immer aus dem Ur-Sinn. Aus dem Urlaut füllt sich jedes spätere Wort im Hall, gespeist von einer sehr materiellen Pump-Linie, denn was ist klingender und wirksamer als der im Anfang in den Hall versenkte Laut, den wir ebenso laut hören wie unser Urvater zur Zeit des Urvaters Adam ihn hörte?
In der kommenen Civilisation wird jedes bil-d nur auf das Auge hin gedeutet werden; der alte Laut wird die Aufmerksamkeit des Einklangs durchstechen wie das Grelle durchs Auge direkt ins Gehirn fährt, seine stets dämpfend-kalibrierende Aufmerksamkeit überrascht und für kurze Zeit in die Konfusion des ersten Lichts, der Urblendung oder Urbelichtung, hinauswirft.
Von dort aus sind wir ja nebenbei bemerkt in unsere Urgehirnkammer hineinversenkt worden. Die um das Auge versammelte, in Bildern versunkene Civilisation wird die Bilder im Unterschiedlosen vergötzen müssen; Vergötzung ist Ausbleichung des Göttlichen. Die Bilder müssen verblassen. Dann beginnt eine lange Zeit der Blindheit."

 

SONNTAG:
Nun sagen Sie bitte alles noch einmal auf. Sie wollen doch nicht bestreiten, daß die Ostmenschen und die Ostdeutschen an vorderster Stelle, weil sie direkt an der Illusionsscheide leben, den Traum haben, eines Tages den westlichen Panzerschrank zu knacken und den Code seiner Füllung zu entschlüsseln. Aber dazu müssen Sie erst aus Ihrer tiefen Wahr-
nehmungsverwahrlosung heraustreten.
Sie haben ja keine Ahnung wie verwahrlost Ihr Land ist. Was mir grau erscheint, erscheint Ihnen farbig. Die DDR ist die erste Selbstblender-Republik auf deutschem Boden.
Sie wissen, was ich meine. Wenn Sie es nicht schaffen, den Panzerschrank zu knacken und mit dem Inhalt wieder lebend den Raum hinter der Illusionsscheide zu erreichen, werden wir bei Ihnen einmarschieren und das Land in ein Umerziehungslager umwandeln.
Der erste Weg dahin ist die Schulung des Gedächtnisses. Memotechnik. Sprechen Sie: jetzt.

 

Sie beschließen, eine Reise zu unternehmen und verschiedene Orte zu besuchen, die in ihren Diskussionen über Fragen des Sehens und Nicht-Sehens eine Rolle spielen.
Längst bilden Sonntag und Freitag eine Gruppe. Sonntag ist das Alphatier, Freitag das Omegatier. Diese Positionen scheinen für alle Zukunft fest-
geschrieben. Wie die Grenze zwischen den beiden Republiken.

Weil es diese Grenze gibt und nach Sonntags und Freitags Ermessen auch immer geben wird, muß die geplante Seh-Reise immer wieder verschoben werden.
Die Seh-Reise kann sich nicht auf das DDR-Gebiet beschränken, und Freitag kann das DDR-Gebiet nicht verlassen. Mit jeder Verschiebung wächst die Spannung zwischen Sonntag und Freitag und wohl auch die Spannung zwischen den beiden deutschen Kontinentalplatten, die sich bereits knirschend berühren.
Davon wissen zwar Sonn- und Freitag nicht, vielleicht aber die Staatsführung der DDR. Aus unerfindlichen Gründen wird jedenfalls eines Tages Sonntag die Einreise in die DDR nicht mehr erlaubt. Die beiden deutschen Sehforscher sehen sich jahrelang nicht, schreiben sich aber traurige Briefe, worin beide nur in Andeutungen über den Gang ihrer Gedanken in der Sehfrage berichten. Als der antifaschistische Schutzwall fällt, verfügt jeder über eine eigene Theorie, die der andere nicht kennt.
Keiner kann die Theorie des andern gutheißen, als sie einander wiederbegegnen, um ihre lange geplante sentimentale Forschungsreise endlich anzutreten.

SONNTAG:
Schreiben Sie mal ins Logbuch: Jahreszeit Avrilo. Ankunft ehemaliges Schloß Remplin in Mecklenburg. Wind Süd-Südwest. 14 Grad Celsius. Gute Sicht. Objekt vorhanden. Zwei Gelehrte nähern sich dem Anwesen. Die Gelehrten sind ins Gespräch vertieft. Fachgespräch. Keine Aktivitäten unfreundlicher Maori-Stämme.

 

FREITAG:
Notiert, Capitan. Soll ich mich jetzt vorstellen? Ja gut, lieber noch warten. Lauschen. Augen zu, Seele auf. Das Geräusch der Schritte auf dem Kiesweg. Das Flüstern des Windes in alten Bäumen. Naturhypnose. Anlandung Neusehland geglückt. In Ihrem Tropenhelm zittert ein Maori-Pfeil, Capitan.

 

SONNTAG:
Erinnerungsbild aktivieren. Sie schauen vielleicht mal kurz in eins der Fenster, dann hier am Turm der alten Sternwarte hoch. Dann zeigen Sie hier hin und da hin, zum Park.
Sie sagen: Bild markiert. Und ich sage: Schloß Remplin und so weiter, altes Mecklenburgisches Gemäuer, Gräfin, Graf, Gram des alten Grafen, Lieblingssohn stirbt, dunkler Sohn erbt. Das ist dann der Vater von Ida Hahn-Hahn und wir aktivieren das markierte Erinnerungsbild.
Ich sage: Hier im Schloß baut sich der Theatergraf sein Privattheater auf, so in der Größenordnung eines heutigen ambitionierten Stadttheaters, sagen wir: in Ulm.
Alles aus der gräflichen Privatschatulle finanziert. Nur ist Remplin nicht Ulm. Hier gibts und gabs rundrum nichts als ein paar Dörfer. Theaterfeindliche Maoridörfer.
Der Graf mußte also nicht nur Schauspieler verpflichten, sondern auch ein Publikum. Das wurde sehr teuer. Um inszenieren zu können vor der anspruchsvollen Lebewelt des norddeutschen Raumes, mußte er auch die Bankette nach der Vorführung bezahlen; jede Woche eine Galavorführung, jede Nacht ein Diner und ein Feuerwerk; und eines nachts, kurz bevor der Traum endete, die Ehe geschieden wurde, die Mutter mit den Kindern nach Rostock floh, holte er seine kleine Tochter aus dem Bett, stieg hinauf in den Turm und zeigte ihr im Licht eines Feuerwerks seine Welt. Wie der große Versucher.
Das kann alles dir gehören, sagte er vielleicht. Aber du mußt die Bilderwelt anbeten. Du mußt die Bilder ehrlich begehren. Du mußt der Wirklichkeit abschwören und dich zur Illusion bekennen. Denn Glück, Ida, gibt es nur in der Welt, die du aus dir herausschleuderst. Da wurde Ida krank. Sie bekam hohes Fieber und phantasierte. Ich glaube, in dieser Nacht beschloß sie, Romanschriftstellerin zu werden.

 

FREITAG:
"Ich aber beschloß Politiker zu werden." Auf dieses berühmte Zitat spielen Sie ja gerne an, Expeditionsleiter. Mit Recht, aber auch mit Unrecht.
Anfang des 19. Jahrhunderts kannte die Medizin noch die "Überhitzung der Phantasie" als Krankheitsursache. Die Inflammation. Aber der Satz aus "Mein Kampf" , den Sie für Ihre Ida variiert haben, kommt nicht aus der überhitzten Phantasie, sondern aus ihrer Überkühlung. Aus der Kälte Schwärze und Leere des Kosmos.
Kurs Pasewalk, mon Capitain? Hier ist alles so sentimental. Wir müssen dorthin, wo die Granate anfliegt und uns ins Zwischenreich reißt. Nach Pasewalk. Träger!

 
 

SONNTAG:
Ich möchte aber das markierte Erinnerungsbild aktivieren. Machen Sie sich doch so lange Notizen. Sortieren Sie den Proviant. Denken Sie über Ihre Stasi-Vergangenheit nach.
Ich möchte den Leuten gerne erklären, wie jemand dazu kommt, zu wünschen, er wäre blind. Und ich stelle mir vor, ein Grund dafür könnte sein, daß der- oder diejenige irgendwann, möglichst in der Kindheit, eine Überdosis Bilder abbekommen hat. 200 000 Minipixel oder so. Wie die Gräfin Hahn-Hahn auf dem Turm. Und das Übermaß an Bildern wird wahrscheinlich von Picto-Narkomanen wie dem Theatergrafen erzeugt. Solche Leute proijezieren, wenn Sie an genug Geld kommen, ihre Innenbilder nach außen und fixieren sie mit Geld.
Können Sie mir folgen? Wenn nun so ein Picto-Narcomane einen Picto-Infekt überträgt, kann es zur Krise kommen. Der Picto-Infizierte entwickelt eine Art Immunschwäche gegen Bilder, erkrankt an einer schmerzhaften Hellsichtigkeit und Bildüberempfindlichkeit und erblindet irgendwann selbsttätig auf die eine oder andere Weise. Jetzt können Sie unsere Ausrüstung verladen lassen. Ich bin vorläufig fertig.

 

FREITAG:
Auf der Fahrt nach Pasewalk bin ich verärgert. Diese Pixel-Picto-Geschichte, das ist nicht meine Sprache. Das ist Westsprech. Bei euch im Westen ist die deutsche Sprache verfault. Ihr habt euch von den Nachkommen der Indianerschlächter mit Schlachtabfällen vollstopfen lassen. Und von den Franzosen habt Ihr die Philosophie übernommen. Dabei haben die Franzosen bekannter- und erklärtermaßen überhaupt keine Philosophie.
Erinnerungsbild aktivieren, oui Massa! Millipixel, sehr schön ausgedacht, aber ich höre doch ganz genau den simulationistischen Dämon aus Ihnen sprechen. Dieses halb Ernst halb Spaß. Alles andenken und liegenlassen; mit den Gedankenlötzchen spielen. Utopia auf der Zunge und Grimm in der Tasche. Ach ja, wäre das schön, wenn wir eine Realität hätten, aber na ja, im Zeitalter der Telekommunikation und des massenhaften Mauritiustourismus muß man sich einschränken. Kreatur fremder Gedanken!
Denken Sie daran, wir sind auf einer Forschungsreise durch die Wirk-lichkeit, nicht durch die Realität. Auf unserem Banner steht: Wirklichkeit als Wirkendes.

 

SONNTAG:
Sag ich doch: We can work it out. Deshalb brauchen ich Sie ja als Dolmetscher. Fühlen Sie nicht, wie gern ich eine deutsche Seele hätte? Und einen deutschen Blick ins versunkene Deutsche? Und einen deutschen Blick ins verweste Deutsche.
Ich will am Verdorbenen arbeiten. Helfen Sie mir. Ich bin ein mit Schlachtabfällen vollgestopfter Literaturwissenschaftler aus Kiel, Sie sind ein ehrenwerter Medizinhistoriker aus Jena. Aber auch Sie haben Ihr Syndrom. Von Ihnen habe ich ja den Gedanken, die ganze westliche Gesellschaft sei psycholinguistisch programmiert. Und die östliche Gesellschaft?
Sie sagen: die DDR war das größte Hypnoseprojekt, das die Geschichte kennt. Aber Sie wissen natürlich nicht, wie eure posthypnotischen Befehle lauten. Sie sagen ja auch, Sie hielten es für möglich, daß eines Tages plötzlich 100 000 Männer im waffenfähigen Alter sich in Berserker verwandeln, also in Werbären, einige auch in Werwölfe, und in einer Nacht ein Muster von Blutrunen ins Gebiet Eurer DDR einzeichnen. Solche häßlichen Gedanken habe ich allein von Ihnen. Wir brauchen einander. Wir interessieren uns doch beide für das Sehen. Ganz einfach: Sehen.
Und für das Gegenteil davon: Nicht-Sehen, was ja auf gar keinen Fall identisch mit "Blindsein" ist. Aber wer es fassen kann, der fasse es. Wir haben die größten Schwierigkeiten, das Nicht-Sehen außerhalb der Blindheit zu fassen. Für uns Sehende wird nur in der Blindheit das Nicht-Sehen sichtbar.
Aus diesem Dilemma heraus formulieren wir vorläufig unser Interesse so: ich bin hinter Sehenden her, die sich nach Blindheit sehnen, und Sie hinter Blinden, die nicht als solche erkannt werden wollen.
Meine Studienobjekte heißen Selbstblender oder voluntaristische Blinde, Ihre heißen Blender oder Geheimblinde. Und Ihre Geheimblinden kommen notorisch zu kurz. Deshalb schweigen Sie verärgert auf unserer Fahrt nach Pasewalk. Erst nach einer ziemlich langen Weile werde Sie wieder etwas zutraulicher. Ich bitte Sie, die Anekdote von Hitler im Weltraum zu erzählen.

 

Die biographische Literatur über H. ist voller mythologischer Erzählungen. Eine davon berichtet von dem Meldegänger H. Pflichtbewußt wie immer trug er seine Meldung von Gefechtsstand A nach Gefechtsstand B. Unterwegs begegnete ihm ein Geschoss aus dem Mythos. Eine aus dem Numinosen auf ihn abgefeuerte Granate, die nicht explodierte, den Meldegänger H. aber in eine andere Luftdruckwelt riß: ein Vakuum, einen Weltraum, eine Dimension, in der Meldegänger zum mythologischen Rapport gebeten werden. Vielleicht.
In der Kriegsterminologie heißt die Begenung mit einer nichtexplodierenden Granate "Granatkontusion". In demjenigen, der in ihren Saugstrahl gerät, erzeugt sie eine tiefgreifende Erschütterung. Hochgerissen ins Vakuum erlebt er seinen eigenen Tod. Wieder ausgespuckt, bis auf ein paar Blutergüsse unverletzt, hat er ein Errettungserlebnis.
In der mythologischen Erzählung erblindet der Meldegänger H. nach diesem Erlebnis. Von gegnerischer Seite wird er während der 20er Jahre gern und oft mit dem Stigma der "hysterischen Blindheit" versehen. 1923 wird diese Diagnose in Heidelberg gestellt. 1933 wird der Bonner Ordinarius für Psychiatrie Wilmanns für dieselbe Diagnose aus dem Amt gejagt. Aus der Quelle wird nicht klar, ob sich Wilmanns Diagnose post festo auf die aktenkundige Erblindung von 1918 bezog oder ob er einen bis ins Jahr 1932 andauernden Zustand diagnostizierte; wahrscheinlich ist letzteres.
Wie alle Krankheitsbilder aus dem Komplex "Hysterie" tritt auch die "hysterische Blindheit" intermittierend auf: sie zeigt sich und verschwindet wieder. Wilmanns und andere Psychiater glaubten demnach, daß Hitler aufgrund seiner Erlebnisse in der Granatkontusion periodisch in Zustände verfiel, die man heute vermutlich "black outs" nennen würde.
Jede hysterische Krise riß ihn zurück ins Todes-Errettungs-Erlebnis. Kehrte die Erinnerung daran zurück, wurde er blind. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, daß ein dehnbares Gummi-Symptom wie "hysterische Blindheit" auch bei einigen sogenannten "Kriegsschüttlern" auftrat.
Die bis dahin unbekannten Feuerwalzen des Ersten Weltkriegs hatten der Medizin ein ganz neues Krankheitsbild beschert. Hunderttausende von Soldaten litten an einem inneren Zittern und/oder äußeren Schütteln, das von der Psychiatrie hilflos als "molekulare Hirnschädigung" klassifiziert wurde.
Eine erfolgreiche Behandlungsmethode für Kriegsschüttler entwickelte der Psychiater J.H. Schultz, der spätere Erfinder des Autogenen Trainings.
Durch Selbsthypnose, autosuggestive Einwirkung auf den Kern des verstörenden Erlebnisses, wurden so viele "molekular Hirngeschädigte" ihres Leidens Herr; das große Hirnbeben verlief sich während der 20er Jahre allmählich. Eine Spielart dieser Zerrüttung bis hinein in die Moleküle unterstellten Hitlers Gegner auch dem braven Meldegänger; damit sollte er als Memme verächtlich gemacht und in die mythologische Liste der Nicht-Helden eingetragen werden.

 

SONNTAG:
Ich erzähle Ihnen von Kleist, während wir fahren. Kleist beruhigt Sie.
Ich sage: Kleist hat beschrieben, wie die Bilder Caspar David Friedrichs auf seine Zeitgenossen gewirkt haben: "Als ob ihnen die Augenlider weggeschnitten wären", hätten die sich gefühlt.
Waren das Selbstblendergefühle? Oder das umgepolte Gegenstück davon? Oder hören wir da von Selbstbelichtern, die eine scheinbar ganz gegenläufige Sehnsucht der Zeit empfinden?
Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist auch die Brutzeit der Fotografie. Jede Geschichte der Technik berichtet, daß damals alles auf das Festhalten der Bilder hindrängte; wir behaupten aber, daß diese Epoche ebenso eine des Fernhaltens von Bildern war.
Wenn man sich mit Selbstblendern befaßt und auch noch mit Selbstblendern aus der Brutzeit der Fotografie, kommt man so automatisch in einen Bereich, wo das Sehen und sein Inventar von Begriffen fraglich wird. Gut das ist Westsprech. Das Besprechen des Sehens wird fragsam. Fragreich? Ein weites Fragenfeld tut sich auf.
Offenbar wendet sich der Selbstblender ja vom Glamour der Außenwelt ab. Von der faden Herrlichkeit der Bilder, nicht aber von den Bildern selbst. Sogar das Gegenteil ist der Fall. Die Selbstblendung zeigt sich als Selbstbelichtung, als Licht aus dem Selbst im Selbst für das Selbst: eine dreifache Verselbstung im Bild findet statt. Wer nicht mehr sieht aus freien Stücken, der taucht ein in die Wahrheit und Schönheit der eigenen Innendekoration.
Ja, das ist zynisch ausgedrückt. Eigentlich scheidet der Selbstblender das Echte vom Falschen, das Grobe vom Feinen, indem er das Bild von den Sehdingen ablöst. Posthypnotischer Befehl: Berichten Sie von Jean Paul.

 
 

FREITAG:
1803, kurz bevor der Theatergraf seiner Bildersucht freien Lauf ließ, hat Jean Paul im "Titan" einen denkwürdigen Fern-Fest-Halte-Prozeß von Bildern beschrieben.
Der Maler Abano reist mit einer Augenbinde durch Italien, bis sich sein inneres Bild der dort von ihm vorausgesetzten Schönheit soweit eingebrannt hat, bis er sich sicher sein kann, es nicht mehr durch den möglicherweise ernüchternden äußeren Anblick zu zerstören.
Das ist ein schönes Beispiel von Selbstbelichtung durch Selbstblendung. Abano behandelt seinen Kopf wie eine Camera obscura, die ihr Licht selbst erzeugt. Aber Sie haben offenbar nicht verstanden, was ein posthypnotischer Befehl ist. Ein posthypnotischer Befehl ist mit einem militärischen Befehl nur entfernt verwandt. Der Laie stellt sich unter einem Hypnotisierten einen Menschen im Zustand der Willenlosigkeit vor und den Hypnotiseur als denjenigen, der in der Lage ist, die Willenlosigkeit zu erzeugen und seinen Willen im gelähmten Willen des Hypnotisierten zu etablieren.
Es ist aber schon lange bekannt, da Hypnose nur funktioniert, wenn sich die Willen der beiden Beteiligten in einer gemeinsamen Sphäre von allen anderen isolieren. Und was in dieser intimen Sphäre wirklich vorgeht, ist sehr umstritten. Vieles spricht dafür, daß der Hypnotiseur der eigentliche Hypnotisierte ist, bzw. daß der Zustand der Willenlosigkeit, die Trance, zwischen Hypnotiseur und Hypnotisierten hin und her springt wie ein elektrischer Funke zwischen zwei Polen.

 
 
 
  
Kleine Einführung in die Techniken der Selbstblendung*
 

SONNTAG:
Wir befinden uns auf einer sentimentalen Forschungsreise. Könnte man doch sagen? Wir bereisen ja die Sentiments. Ich empfindsam, Sie empfindlich.
Dieser fundamentale, polare, aber nicht entgegengesetzte Betrachter-
standpunkt läßt sich aus unseren Beschäftigungsfeldern leicht erklären.
Wir erklären es so: Jetzt sind wir in Pasewalk in der Uckermark angekommen und stehen überrascht und andächtig vor dem Denkmal für den Erfinder der Blindenschreibmaschine, Oskar von Picht.
Sie müßten besonders überrascht und andächtig und dankbar sein angesichts der Existenz eines Denkmals für Oskar von Picht ausgerechnet in Pasewalk, wo Ihre Dunkelkammer steht. Pasewalk ist ja Ihr Ort, wie Schloß Remplin meiner ist - Schloß Remplin ist der konzentrierte Ort der Empfindsamkeit. Ein Ort der Seh-Excesse und ihrer Brandnarben in der Seele der kleinen Ida Hahn-Hahn.
Pasewalk ist der dezentralisierte Ort der Dunkelkammern. In der Dunkelkammer schlägt Sehen um in unbegreifliches Nicht-Sehen. Die scheinbare Ausschaltung der Lichtempfindlichkeit (durch Ausschaltung des Lichts) führt zu unerhörter Empfindlichkeit des gesamten Wahrnehmungspotential.
Pasewalk ist Über-Empfindlichkeit. Schließen Sie jetzt die Augen. Erzählen Sie jetzt die Anekdote von Hitler, dem Gas und er Blindheit. Berichten Sie, was Sie darüber erfahren haben und erzählen Sie es uns.

 

FREITAG:
13. Oktober 1918. Südlich von Werwick. Trommelfeuer von Granaten. Gaskrieg. GELBKREUZ. Brennende Augen. Übelkeit. Rückzug.
Ich zitiere: "Schon einige Stunden später waren die Augen in glühende Kohlen verwandelt, es war finster um mich geworden." (Mein Kampf, Bd. I, Seite 221)
Zwei Tage später kam Hitler hierher nach Pasewalk ins Lazarett. Stockblind. Seit längerer Zeit beschäftigt mich die Frage, ob er nicht sein Leben lang blind geblieben ist. Und das meine ich nicht in irgendeinem übertragenen Sinn, genausowenig wie Sie sich für symbolische Selbstblendung interessieren.
Das müssen wir schon klarstellen. Sie meinen ja: Augenausstechen. Wie ich meine: durch die Welt der Sehdinge schlafwandeln, ohne anzustoßen, und die Sehdinge ersetzen durch etwas anderes. Denken Sie an das experimentelle Schlafwandeln der revolutionären Mesmeristen um Puységur, Expeditionsführer.

 

SONNTAG:
Wir gehen zu der Stelle, wo Hitlers Lazarett stand. Da ist jetzt ein Imbiß. An der Stelle der alten Dunkelkammer, wo nach Ihrer Meinung Hitlers Erweckungs- Sequenz ablief, also sein Schicksal aus dem Schein ins Sein klappte, an dieser unheimlichen Stelle steht nun ein Imbiß.
Na ja. Wir essen eine Kleinigkeit und Sie berichten mir in bescheidenem Ton von Ihrer ungeheuerlichen Theorie. Aber erst müssen Sie beichten. Sie geben zu, daß sie als nicht unbekannter Medizinhistoriker in Jena heimlich und sehr oft - "Mein Kampf" gelesen haben.
Als Medizinhistoriker waren Sie auf die Geschichte der Augenheilkunde spezialisiert. In diesem Zusammenhang interessierten sie sich für die Geschichte der Hypnose, die, wie Sie glaubhaft versichern, sich immer wieder mit der Geschichte der Augenheilkunde berührt.
Schon früh waren Sie fasziniert von der offensichtlichen hypnotischen Wirkung Hitlers auf Massen, seinen Augen, seiner Mimik, der Abbildung seines Körperinneren auf der Aussenhaut seines Aussehens. Sie sagten mir, daß das Hitler-Bild in der DDR in einer hochillusionären Sphäre statisch verharrte: einerseits wie ein posthynotischer Befehl, der nur darauf wartete, reaktiviert zu werden, anderseits verhielt sich die gefrorene Hitler-Erinnerung wie eine abgetrennte Erinnerung , die von denen erinnert wurde, die Hitler in Einklang mit dem -möglicherweise hypnotisierten- deutschen Volk zum Teufel gejagt hatte. Das haben Sie gesagt: "Zum Teufel gejagt."

 

FREITAG:
Hitler hat die deutschen Kommunisten ja wirklich zum Teufel gejagt.
Im sowjetischen Exil gerieten sie in ein psychotisches Verfolgungssyndrom. Jeder in der Sowjetunion unter Stalin wurde verfolgt, aber keiner wußte warum.
Stalin wurde am furchtbarsten verfolgt, deshalb wurde er der furchtbarste Verfolger. Im massenhaften psychotischen Verfolgungssyndrom kommt es zu schweren gastritischen Störungen.
Nicht gierig verschlungene Schlachtabfälle wie bei Himmler, auf den wir ja noch zu sprechen kommen, sondern hastig verscharrte Wahnideen zerstörter Verfolger, die keine Motive hatten, aus unverständlichen Gründen verfolgten wie sie verfolgt wurden; diese Leichen stanken im Verdauungssystem der Verfolgergesellschaft, die den deutschen Kommunisten unvertraut war. Sie kollaborierten.
Sie verleibten sich stinkende Leichen verfolgender erledigter Genossen ein. Erich Honecker rülpste und kurz wehte ihm Karl-Radek-Zerfall um die Nase.
In dieser unappetitlichen Sphäre, jetzt mit eigenem Staatsterritorium ausgestattet, fixierten sie für ihre daheimgebliebenen, mit ganz anderen Verdauungs-
beschwerden befaßten Volks-Genossen ein heroisches Hitler-Drachenbild. Der Ritter adelt den Drachen, indem er ihn erschlägt; er entrückt ihn in den Mythus, indem er ihn besiegt.
Die moderne amerikanische Hypnose-Forschung würde westsprechen: Hitler wurde "reframed", in einen Rahmen gesteckt und so auf rein hyopnotischem Weg als abgeschnittene Erinnerung zur Seite gestellt.
Aber die zur Seite gestellte Erinnerung des Rein-Bösen lag Tür an Tür mit dem anderen Bösen der Erinnerung an die Große Vaterländische Psychose, die dem Ritter Schirm und Schwert geliehen hatte zur Erledigung des Drachen.
 

 

Himmler litt an furchtbaren Magenkrämpfen. Der einzige, der ihn davon befreien konnte, war ein baltischer Masseur namens Kesten.
In seiner Autobiographie berichtet Kesten, wie er Himmler bei jeder Massage eine Anzahl von Todgeweihten - Juden, Kommunisten, Priestern und Nonnen - entriß.
Für die Befreiung von den Schmerzen, die durch maßloses und hastiges Verschlingen hunderttausender von Seelen ausgelöst wurden, bezahlte Himmler also mit der Freigabe von Leben.
Nach Kestens Angaben handelte es sich dabei um tausende von KZ-Häftlingen, die der große Schlund in letzter Minute wieder auswürgte. In früheren Zeiten galten Krämpfe als ein Zeichen der Besessenheit.
Ihre Beseitigung war Aufgabe des Exorzisten. Die Verwesungsprozesse in Himmler behandelte Kesten mit einer Variation der magnetischen passes (Ausstreichungen), die schon Mesmer angewandt hatte.
Durch seine einzigartige Fähigkeit, Geister-Gase abzuleiten und Platz zu schaffen für immer weitere hunderttausende Seelen, kam Kesten zu beträchtlichem Einfluß und erhielt Einblick in die geheime Krankenakte Hitlers, die auf Himmlers Befehl von der SS zusammengestellt worden war.
Danach handelte es sich bei der angeblichen Erblindung durch Senfgas um "nichts anderes als die häufig im Sekundärstadium der Syphilis zu beobachtende Iritis oder Iridocychitis syphilitica."
Wie die hysterische Blindheit ist auch die syphilitische Blindheit eingewebt in einen politisch-medizinischen Komplex, der in den unzähligen Verarbeitungsprozessen der Biographie Hitlers je nach Interesse betont, verschwiegen, entlarvt, dementiert wird.
Daß Syphilis im Sekundärstadium neben zeitweiliger Erblindung häufig noch ein anderes Symptom durchläuft beschreibt ein Buch, daß der Venerologe Felix Plaut 1920 veröffentlichte: "Die Halluzinosen der Syphilitiker."
 

 

SONNTAG;
An dieser Stelle haben wir eine Vision. Im Mikrowellenherd der Imbissbude entsteht eine kleine kompakte Dunkelkammer. In der Dunkelklammer sehen wir weiß auf schwarzem Grund, wie die Tafel in einem Stummfiim, ein Menetekel. Wir verstehen es nicht. Bei dem Menetekel scheint es sich um einen Eintrag in einem Wörterbuch zu handeln. Der Eintrag ist überschrieben mit *DRAK/Pipeline RA.
Sie sagen: das ist eine Mitteilung Mohnheims.
Sie sagen: Mohnheim hat uns erhört.
Ich sage: Warten wirs ab.
Sie sagen: doch ganz bestimmt. Das ist die Handschrift Mohnheims.
Ich sage: es ist aber Druckschrift.
Da zeigt sich, daß wir dieselbe Vision einmal in Handschrift und einmal in Druckschrift hatten.
Ich sage: wir sind auf dem richtigen Weg.

 
 

SONNTAG:
Im Westen ist das Problem des Hitler-Bildes in den Seelen nach dem Krieg insofern bearbeitet worden, als eine Generation gegen ihre Väter rebellierte und Hitler in den Vätern versenkte.
Da aber abendländische Väter sich selbst posthypnotisch in ihren Kindern als Erinnerungsbefehl fixieren, gelang es dem Hitler-Bild, sich ins Immunsystem der Aprés-Hitler-Generation einzuschleichen.
Sie werfen mir ja vor, ich sei einerseits Hitler-immunisiert, andererseits im Sakralbereich der Körperzelle unrettbar von ihm befallen. Wie von einem Herpes-Virus. Aber im Gegensatz zu Ihnen habe ich mich nie für "Mein Kampf" interessiert. Ich interessiere mich auch jetzt nicht für "Mein Kampf". Deshalb muß ich mich ja auch nicht schämen, wie sie sich schämen müssen.
Sie lesen ja jeden Abend vor dem Einschlafen in "Mein Kampf". Und als Sie in den Dunstkreis Mohnheims kamen, versuchten Sie verzweifelt, Methode in Ihre selbstbefleckerische Lektüre zu bringen.
Sie entdeckten an Hitler, je länger je lieber, alle Anzeichen einer schweren Sehstörung. Sie dockten ihn an Ihr Spezialgebiet, die Augenheilkunde, an.
In Ihrem Spezialgebiet hofften Sie, ihn unschädlich machen zu können. Sie träumten von dem Beweis, daß einige Geheimblinde die Welt der Sehdinge, wo wir Sehenden unseren Geschäften nachgehen, mit eigenen Konstruktionen infiltrieren und durchsetzen, um sich in ihr bewegen zu können wie Sehende.
Um sich zurechtzufinden. Jede Wahrnehmung ist ja Zurechtfindung und Zurechtrückung, sagen Sie. Und irgendwann und irgendwie sehen die Sehenden dann die Infiltrate besonders projektiver Geheimblinder und kein Mensch weiß mehr, was Sehdinge sind und was Geheimblindeninfiltrate sind.
Und das haben Sie sich ausgedacht, weil Sie mit der Realität hadern. Das tun andere auch. Die Frage ist nur, wie weit man bereit ist zu gehen mit seinen Zweifeln an der Echtheit der Wahrnehmungen.
Ich ziehe es vor, die Zweifel einiger historisch fixierbarer Personen zu untersuchen, die nachweislich ernst gemacht haben mit dem Austausch von Außenbildern gegen Innenbilder. "Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen", sagt der Apostel Johannes.
Ich meine: Abwendung von den Bildern der Außenwelt, Hinwendung zu den Bildern des Innern. Die Sehnsucht danach, gerade in dieser größten Finsternis das Licht zu ergreifen. Schauen statt Sehen. Da ist Augenausstechen nur eine Methode unter vielen.
Die Gräfin Hahn-Hahn hat sich zum Beispiel ein Auge ausgeweint; 1840 in Berlin, unmittelbar nach einer Schieloperation, also einem eitlen kosmetischen Eingriff ins eigene Bild nach einer damals ganz neuartigen Methode, setzte sie sich an ihren Sekretär und schrieb einen Liebesbrief; und weil sie unglücklich verliebt war, mußte sie weinen und das operierte Auge entzündete sich und sie verlor es.
Und weil der Grund für die Operation dieselbe Liebe gewesen war, die das Auge kostete, entstand damals das Gerücht, das ich eben wiedergegeben habe. Nach dem Motto"Liebe schafft Leiden", selber schuld, alte Ziege. Hättest du weitergeschielt wäre nix passiert.
Heinrich Heine hat die Häme auf den Punkt gebracht und geschrieben: "O die Weiber! Wenn sie schreiben, haben sie ein Auge auf dem Papier und das andere auf einen Mann gerichtet, und dies gilt von allen Schriftstellerinnen, mit Ausnahme der Gräfin Hahn-Hahn, die nur ein Auge hat."
In Wirklichkeit aber wollte die Gräfin mit diesem Auge und was es sah nichts mehr zu tun haben und weinte es weg. Das ist ein Realitätshader, den jeder versteht. Aber wer soll verstehen, was passiert, wenn ein Blinder herrscht in einer Welt, die er aus seinem Innern hervorgeschleudert hat?
Daß man Theater spielt in einer solchen Welt, das kann man verstehen. Aber daß man Krieg führt in dieser Welt, nur in den eigenen Gedanken, wie Plateau nur in den eigenen Gedanken Drahtschleifen geborgen und mit Seifenhäutchen geimpft hat, daß es so eruptive Gedanken geben soll, wie soll man sich das vorstellen können?
Sie verstehen es ja selbst nicht, Sie Arschzukneifer. Deswegen erflehen Sie Mohnheims Hilfe. Sie können sich nicht vorstellen, daß das Wahre aus dem Offenen kommt. Es muß im Geheimen hausen. Im Verborgenen. Eben in der Dunkelkammer.

 

"Schon gegen Mitternacht schied ein Teil von uns aus, darunter einige Kameraden gleich für immer. Gegen Morgen erfaßte auch mich der Schmerz von Viertelstunde zu Viertelstunde ärger, und um sieben Uhr früh stolperte und schwankte ich mit brennenden Augen zurück, meine letzte Meldung im Kriege noch mitnehmend.
Schon einige Stunden später waren die Augen in glühende Kohlen verwandelt, es war finster um mich geworden.

So kam ich in das Lazarett Pasewalk in Pommern, und dort mußte ich - die Revolution erleben!" ("Mein Kampf". Bd. 1, 221)
Nach einiger Zeit im Lazarett läßt der "bohrende Schmerz in den Augenhöhlen" nach, "grobe Umrisse" werden wieder sichtbar. "Freilich, daß ich jemals wieder würde zeichnen können, durfte ich nicht mehr hoffen." (222) Hitler schlägt einen milden, schicksalsergebenen Ton an.
Dann kommen Nachrichten von der Abdankung des Kaisers, der Ausrufung der Republik und dem Beginn der "Revolution". Hitler läßt einen Pastor die schlechten Nachrichten überbringen. Vor den versammelten Kranken beginnt der "alte, würdige Herr...leise in sich hineinzuweinen." Nun kehrt sich die Ursache der Blindheit um. Durch das Gas hatten sich die Augen in "glühenden Kohlen verwandelt", jetzt steigt die Blindheit von innen auf:
"Mir wurde es unmöglich, noch länger zu bleiben. Während es mir um die Augen wieder schwarz wurde, tastete und taumelte ich zum Schlafsaal zurück, warf mich auf mein Lager und grub den brennenden Kopf in Decke und Kissen." (223) Hitler weint. Das hat er seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr getan.
Alle Schicksalsschläge haben nur seinen "Trotz" wachsen lassen. Kameraden und Freunde starben neben ihm in den Schützengräben. Er weinte nicht. Und selbst die Möglichkeit "für immer zu erblinden" war kein Anlaß, zur Ausschüttung von Körperflüssigkeit.
Auf seinem Bett in Pasewalk, von innen heraus neu erblindet und weinend, hat er eine Vision. Die Gräber tun sich auf. Die "stummen, schlamm- und blutbedeckten Helden als Rachegeister" (224) erscheinen. Eine heroische Szene nach der andern ersteht vor dem inneren Auge des Blinden. Dann wieder der Gedanke an die Schuldigen des Deutschland-Desasters: "Elende und verkommene Verbrecher!"
"Je mehr ich mir in dieser Stunde über das ungeheure Ereignis klar zu werden versuchte, um so mehr brannte mit die Scham der Empörung und der Schande in der Stirn. Was war der ganze Schmerz der Augen gegen diesen Jammer?"

Die Vision erreicht ihren Höhepunkt. Das Ziel erscheint. Ein neuer Sinn öffnet sich "in der Stirn": herausgebrannt. Von der Blindheit ist nur noch die Rede, um das Lodernde (Haß) des neuen Sinns zu betonen. Mit einer Art drittem Auge öffnet sich die Zukunft. Hitler verläßt die Vision ausgestattet mit einem neuen harten Blick.
Die beiden letzten Sätze des Kapitels lauten:
"Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder-Oder. Ich aber beschloß Politiker zu werden."

 

FREITAG:
Diese Beschreibung nenne ich "Hitlers Erweckungssequenz". Sie haben bereits höhnisch darauf angespielt, aber nicht erwähnt (weil Sie es nicht fassen!), was ich damit meine. An zentraler Stelle steht in "Mein Kampf" die Beschreibung einer Krise des Sehens.

Die Krise läuft in drei Phasen ab: 1. Blendung durch den Feind (Gas) mit anschließender Besserung des Zustandes. 2. Blendung durch die Nachricht vom Thriumph des Feindes (Revolution). 3. Vision im Zustand der Blendung führt zur vollkommenen Krise mit Öffnung des Inneren Auges.
Ein Wille ergreift Besitz von Hitler, ein Glaube erfüllt ihn. Mir kommt es vor, als hätte sich in seiner Stirn eine Stelle gebildet, durch die die von ihm gern bemühte Vorsehung in ihn hineinsah.

  

SONNTAG:
Aber wir können ja nun leider nirgendwo in Pasewalk irgendwo in irgendwas reinsehen.

Wie es sich für Dunkelkammern gehört, ist es in Hitlers Dunkelkammer eben hauptsächlich dunkel. Wie in Ihrer Seele. Sagen Sie mir, Freitag: wie lautet Ihr posthypnotischer Befehl?
Sie sind sehr sehr müde. Sie sind ganz entspannt. Sie sind wieder in Jena, in der Medizinischen Universitätsklinik, wo schon Binswanger gewirkt hat.
Wo J.H. Schultz das Autogene Training erfand. Sehr müde. Wo Ernst Speer lehrte. Wo Kleinsorge Speers Lehrstuhl übernahm. Ganz entspannt. Klumbies* kommt. Sie sehen Klumbies vor sich in seinem weißen Kittel, er geht freundlich auf Sie zu, er hält einen Kristall in der Hand. Ihr Blick versinkt im Kristall. Dunkelkammer. Sie sind zu Besuch in einer anderen Galaxis. Weit weg, dunkel, dunkel.
Klumbies beugt sich über Sie. Er zieht ihre unteren Lider mit dem Daumen herunter und betrachtet die Ränder Ihres Augballs. Klumbies lächelt, lächelt. Als Sie in der anderen Galaxis waren, hat er Ihnen etwas gesagt. Freitag, hat er gesagt, wenn Sie aufwachen werden Sie sich an nichts erinnern. Aber was hat er davor gesagt. Sie sind sehr müde. Sie erinnern sich.

 
Kleine Geschichte der Hypnose.Teil 1*
 

MOHNHEIM
Albrecht von Graefe die erste Augenoperation zur Beseitigung von Halluzinationen durchgeführt

WEISS
Kann man sich schenken: Graefe Schüler Dieffenbachs und Johannes Müllers. Fall: Alter Mann hat beide Augen durch innere Entzündung verloren. Innere Entzündung, äußere Entzündung, gerollte Sonnenschlange

MOHNHEIM
Beide Augen atrophisch mit tastbarer Verkalkung. Nun entzündet sich dem Alten das Innere Licht und die Innere Farbe auf dem verkalkten Augenschirm von hinten. Der erschrickt natürlich. 14 Jahren blind gewesen wohliger Dunkelheit der Schock kann man so verlesen

WEISS
verlesen plötzlich Fernsehen, das noch gar nicht erfunden war. Wir schreiben das Jahr 1850 nach dem Julianischen Calendar. Erst allgemeine Lichteindrücke, dann formt das aus dem Gehirn ausgebrochene Licht von hinten auf der Netzhaut Gestalten. Erst Tierköpfe. Geht ja noch. Dann Gesichter ihm bekannter Mensche. Zitat.

MOHNHEIM
"Erscheinungen, welche den alten Mann in grosse Angst versetzten." Der Augenchirurg Graefe nahm an, Zitat, "daß der Reiz von der Netzhaut beider Augen ausgehe und sich zum Vorstellungscentrum fortpflanze". Da durchschnitt er beide Sehnerven. Zitat. "Diese Operation befreite den Mann nicht nur von den Hallucinationen der Gesichtsvorstellungen, sondern auch von Licht- und Farberscheinungen, wenigstens in den ersten Wochen der Durchschneidung."
Zitat aus.

WEISS
natürlich große Heilkunst. Wie die Sache weitergegangen ist erzählt er aber nicht. Jedenfalls wenn man den Sehnerv durchschneidet der Schock die Augenblase zieht sich erstmal zurück, ist ja klar.
 

 
 

SONNTAG:
Jena! Jena! Stadt der Optik. Stadt des Sehens. Ernst Abbe, Carl Zeiss, Lothar Späth, Vergrößern, Verkleinern, Belichten.
Festhalten von Bildern. Hygiene des Sehens. Heilung des Nicht- und Falschsehens, Eindringen ins Auge des andern; ein Lichtort, möchte man meinen.
Aber voller Schatten der Vergangenheit, vieler Vergangenheiten. Hier hat unsere Freundschaft begonnen. Hier werden wir vielleicht von ihr erlöst.
Wenn wir Glück haben. Wenn Mohnheim sich zeigt.

 

FREITAG:
Hier bin ich zum Augenarzt ausgebildet worden. Hier wirkte ich als Historiker der Augenheilkunde.
Hier bin ich Expeditionsleiter, Westling.
Hierher zu mir kamen Sie gepilgert um Rat und Hilfe mit Ihrer luxuriösen westlichen Frage: Hat Professor Dieffenbach gepfuscht bei der Schieloperation der Gräfin Hahn-Hahn?

 

SONNTAG:
Darauf hatten Sie aber auch keine Antwort. Vielleicht hatten Sie auch eine und haben Sie nur hinausgezögert, damit ich weiter kam den weiten Weg von Kiel über die Grenzscheide der Illusionen mit Kaffee und Tee und Kakao und Bananen.
Wußten Sie eigentlich, daß die DDR nur eine Testeinrichtung für die Erprobung westdeutscher Fernsehprogramme im Doppelblindversuch war? Ich wußte es nicht.

 

FREITAG:
Ich wußte es auch nicht. Aber wußten Sie eigentlich, daß ich mich nur mit Ihnen anfreundete, weil Sie im Besitz eines gewissen Buches waren?
Daß ich Ihre Fragen über selbstblenderische Gräfinnen nur deshalb über mich ergehen ließ, weil ich hoffte, Sie würden das Buch eines Tages zu mir bringen, ins Land jenseits der Illusionsscheide, in die Testeinrichtung für die Erprobung westdeutscher Fernsehprogramme im Doppelblindversuch?

 

SONNTAG:
Ich ahnte es. Doch ich wußte es nicht. Aber wie Sie wissen: auch ich bin ein Hypnotisierter. Aufgewachsen in einer Van Waaren-Welt im dritten Stadium der Bilderherrschaft.
Das heißt, ich komme aus einer Civilisationsstufe an der Grenzlinie zur Blindheit. Soziale Orientierung wird auf dieser Civilisationsstufe durch perpetuiertes psycholinguistisches und pictosuggestives Programmieren suggeriert.
Selbstblender sind die Propheten der Zeit der Blindheit, die van Waaren vorausgesagt hat; aber niemand kann sich wirklich vorstellen, welche Prozesse im Prä-Blindheitsstadium einer Gesellschaft ablaufen.
Darüber möchte ich jetzt auch nicht spekulieren. Ihre Theorie einer allgemeinen schlagartigen Erblindung infolge der ominösen Erweckungs-Sequenz, die Hitler in der Zeit seiner Blindheit durchlief, lehne ich selbstverständlich ab.
Sie sagen, in Hitlers Stirn habe sich eine Matrix geöffnet. Matrix übersetzen Sie mit "Mutterstamm eines Baumes", den Markscheidepunkt.
Als Hitlers Markscheidepunkt offenlag, behaupten Sie, am Endpunkt der visionären Krise eines Blinden, hätte er es mit Hilfe nicht näher definierter Mächte oder physikalischer Kräfte, geschafft, einen Seh-Strahl auszusenden und wie in der Ab- und Aufblende, die Wirklichkeit auszuknipsen und eine mit seinen Blindheitsexfiltraten drapierte Wirklichkeit anzuknipsen.
Aus seiner Markscheide sei eine sehr starke Emanation hervorgedrungen, vergleichbar mit der einiger anderer hervorragender Wirklichkeitszerrütter oder Blender, aber nur bedingt vergleichbar.
Denn die Wucht der Hitlerschen Abstrahlung sei einmalig in der Geschichte; und diese Wucht ist Ihrer Meinung nach nur durch die Einschaltung einer Energieform zu erklären, die sich zwar vor Hitler schon gezeigt hatte, in ihrer ganzen grimmigen Wut aber erst mit Hitler in den Geschichtsprozeß einfädelte.
Sie wissen, wie leicht solche Aussagen ins Metaphorische umkippen. Und leider wollen Sie nicht einsehen, daß Hitler in Wahrheit ein echter Selbstblender war.
Blind war er, das stimmt. Aber blind auf eigenen Wunsch.

 
Kleine Schule der Hypnose. Teil 2.*

SONNTAG:
Da ist es. Nun sind wir unseren weiten Weg fast bis zum Ende gegangen. Mohnheims verlassenes Gehäuse liegt vor uns, Capitán. Jena, Werner-Seelenbinder-Straße 9. Das Eckhaus. Ein schönes Haus.
Eigentlich nicht besonders heruntergekommen. Sehr schmuck eigentlich. Alte Bäume. Das Flüstern des Windes. Das Geräusch der Schritte auf dem Kiesweg. Und da ist auch das Messingschild.
Ich lese vor: "Rupert Mohnheim, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Dunkelfeldtherapie."
Dunkelfeldtherapie klingt reizvoll. Was ist das? Wie wird er uns rufen?

 

FREITAG:
Keine Ahnung. Aber spüren Sie es, Expeditionsuntergruppenführer? Sowas Atztekisches?
Tausend Augen beobachten dich aus dem Dschungel, du spürst alle und siehst keins. Wir sind sehr nahe bei Mohnheim. Haben Sie den Pyrophilus?
Das ist unser Opfer. Nur mit einem Opfer kann man es wagen, sich dem Unbekannten zu nahen. Wenn man aber ein Opfer hat und das Unbekannte nimmt es an, dann ist man schon ein bißchen mit dem Unbekannten bekannt.
Dann geht alles besser. Haben Sie den Pyrophilus?

 

SONNTAG:
Ja, hier in meiner Tasche. Ich schlage mal drauf. Hören Sie? So klingt nur ein Buch. Jetzt umarmen wir uns. Es heißt vielleicht Abschied nehmen für immer, mein lieber östlicher Freund. 

 

FREITAG:
Ja, Reichsgruppenexpeditionsführer mit Diamantenlaub.

 

Freitag sieht einen Briefumschlag aus seiner Jackentasche und reißt ihn mit dem Zeigefinger auf. Weisse Schrift auf schwarzem Grund: Wörterbuch Countdown 2-Halluzination, die Einladung zu Mohnheim & Weiss.

 
 

SONNTAG:
Freitag! Ich halluziniere eine schwarze Limousine!

 

Eine Limousine fährt vor, Türen öffnen, Türen zuschlagen, gedämpfter Motorsound im Innern des Wagens der fährt und fährt. Schweigen.

 
 

Der Wagen hält, Türen schlagen, Schritte auf Kies, Gras und Beton. Das Schwarz wird jäh durchbrochen vom Gegenlicht, das durch den größer werdenden Spalt zwischen schweren, langsam aufschwingenden Türflügeln so blendet, daß die beiden wie benommen über die Schwelle taumeln. Dahinter:
Teil 3 "Mohnheims großes Sehexperiment".

AURORA   TEIL1   TEIL3

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Kleine Einführung in Techniken der Selbstblendung
Selbstblendungen sind nicht seltener als Selbstmorde oder die vielfältigen Möglichkeiten, sich anderweitig selbst zu verstümmeln. Wenn man Verkennungen, Täuschungen, Mißachtungen, Black outs, Wegsehen, rosarote Brille, Schwarzsehen und andere Arten der Beeinflussung der eigenen Wahrnehmung als Teile des Formenkreises der Selbstblendung begreift, sind sie sogar relativ häufig. Es ist kaum zu übersehen (es sei denn durch den Einsatz einer der vielen Techniken der Selbstblendung), daß unser privates und soziales Leben durchsetzt ist von strukturellen Erblindungsakten.
Der Anteil der Selbstblender unter den Blinden ist vermutlich hoch, aber selbstverständlich statistisch nicht zu bestimmen. Daß viele Blinde ihren Zustand als angenehm, ruhig, behaglich empfinden, läßt sich in der einschlägigen Literatur leicht nachweisen. Über Wesen und Art dieses Behagens können Sehende nur fröstelnde Vermutungen anstellen.1775 in Wien. Maria-Theresia von Paradis, Patenkind der Kaiserin Maria Theresia, begibt sich in die Behandlung des damaligen Wiener Modearztes Franz Anton Mesmer. Die Tochter eines hohen Staatsbeamten war als Dreijährige erblindet und hatte in einer Zeit, wo gelehrige Blinde en vouge waren, eine glanzvolle Karriere als Pianistin gemacht.
Mesmer arbeitete damals mit Magneten, die in Verbindung mit einem vorher eingenommenen Eisenpräparat, ein "künstliches Hochwasser" in seinen Patienten erzeugen sollten und eine Krise auslösten, deren von Sitzung zu Sitzung schwächer werdendes Auftreten schließlich zur Heilung führte. Die Krise war gleichbedeutend mit dem Erscheinen der Krankheit selbst. Die Krankheit nützte sich sozusagen ab, indem sie erschien; ans Licht gezwungen, verblaßte sie und verschwand. Der Asthmatiker bekam im künstlichen Hochwasser einen Asthma-, der Epileptiker einen epileptischen Anfall - und der Blinde?
Nach einigen Sitzungen und Krisen erklärte Maria-Theresia, nun könne sie wieder sehen. Ihre erste optische Wahrnehmung war die Nase Dr. Mesmers; sie erschrak über dieses merkwürdig geformte Organ und brachte die Befürchtung zum Ausdruck, dieser Anblick könne vielleicht ihren Augen schaden. Das bizarre, harte Sehbild erschien ihr als materielle Verletzungs-Drohung.
Auf Druck der Wiener Ärzteschaft, die es auf Mesmer abgesehen hatte (und ihn bald darauf nach Paris vertrieb, wo seine eigentliche Karriere begann), dementierte Maria-Theresia mitten in der Behandlung, daß sie Mesmers Nase gesehen hatte, sank zurück in musikalisches Dunkel und setzte ihre Karriere als Salon-Blinde fort.
Wenn sich wirklich, wie Mesmer behauptete, in der Krise gerade im magnetisch hervorgerufenen Symptom der Krankheit die Krankheit selbst zeigte und heilte, dann hatte sich im Fall Maria-Theresia Paradis nichts anderes als die Krankheit "Sehen" gezeigt, mit schlagendem Erfolg, denn sie blieb blind. Mesmers Hochwasser hatte nur aus ihr herausgeschwemmt, was sie aus unbekannten Gründen in ihrer Kindheit in ihrem Inneren versenkt hatte: Bilder, weiche kühle Bilder.

Kühler wird es, wo ich wohne,
Dämmeriger nah und fern,
Aus der Himmelsstrahlenkrone
Fehlt schon mancher schöne Stern.
Tiefer fußen Tal und Grüfte,
Zauberhafter rauscht der Hain,

Und mir süßerem Gedüfte
Schließt sein volles Laub mich ein.
Magst du, bunte Welt verblassen!
Aus dem feurigen Gewühl
Kehr ich schaudernd und gelassen
In mein innerstes Gefühl.

Was "Die Erblindende" von 1860 schon sicher als Abkehr vom "feurigen Gewühl" der Außenbilder formuliert, schwankte in den "Orientalischen Reisebriefen" der Gräfin Hahn-Hahn anderthalb Jahrzehnte früher noch zwischen Innen und Außen, versuchte zu focussieren und zurückzudrängen, was sich mit Macht ankündigte: das Ende der "bunten Welt." Sie schreibt : "O diese Sehnsucht nach Licht, sie zieht mich in den fernen Orient, sie führt mich über Meere und Berge, sie drängt mich dahin, wo jemals Wundertaten und Wunderwerke niedergelegt sind. Ich werde das nie finden, was ich suche, nie die Unmittelbarkeit zwischen
dem schwachen Lichtfunken in mir und dem großen Lichtstrom außer mir finden! Nur in Symbolen, in Formen, in Bildern - nur mittelbar wird es sich mir mehr oder weniger kundtun!"
Selbstblendung ist die Methode, den "schwachen Lichtfunken in mir" anzublasen. "Symbole, Formen, Bilder", von Ida Hahn-Hahn noch als Substrate der unmöglichen "Unmittelbarkeit" von Innen und Außen gedacht, macht ein anderer Selbstblender fast zur gleichen Zeit zum Inhalt seines Lebens und Werks.
1843 in Frankreich. Während einer Versuchsreihe zur physiologischen Optik starrt der begabte junge Physiker J.A.F. Plateau so lange mit weit geöffneten Augen in die Sonne, bis er blind ist. Um die Mittagszeit dauert das etwa 25 Sekunden.1873 veröffentlicht Plateau die Ergebnisse einer dreißigjährigen Tätigkeit als blinder Forscher. Er hatte Drahtschleifen geformt, Seifen-Häutchen in sie eingespannt und nachgewiesen, daß auch die komplizierteste geometrische Form ein Seifenblasenhäutchen halten kann. Weiter nichts.
Für die Mathematik war diese Entdeckung eine Herausforderung. Das "Plateausche Problem" beschäftigt bis heute die Disziplin der Topologie, die sich mit Schrumpfung, Stauchung, Dehnung, Klappung und Zerrung von Formen befaßt. Formen transmutiert sie in Formen, die man ebenso wenig in ihnen vermutet hätte, wie im leeren Zylinder des Zauberers das Kaninchen.     Plateaus Entdeckung der "Minimalfläche" in jeder noch so bizarr geformten Drahtschleife, stammte aus einem Gehirn, das von seinem Besitzer entsprechend präpariert worden war. Plateau wollte offenbar lieber ein topologisches Laboratorium in seinem Kopf als eine Spielwiese unordentlicher Anblicke; daß er sich als Blinder später an der Diskussion um das "psychophysische Gesetz" Gustav Theodor Fechners beteiligte, macht seinen Fall noch interessanter. Was auf den ersten Blick wie ein Gelehrtenstreit um die Mathematisierbarkeit der Beziehungen zwischen der physikalischen und der geistigen Welt aussieht, ist in Wahrheit Ausdruck eines erbitterten Kampfes um das innere Sehen, der im19. Jahrhundert mit großer Entschiedenheit, Härte und Selbstaufopferung geführt wurde.
Gustav Theodor Fechner, der Begründer der modernen Experimentalpsychologie, hatte kurz vor Plateau und unabhängig von ihm als Physikprofessor in Leipzig Experimente an sich selbst über subjektive optische Phänomene durchgeführt. Auch er schädigte seine Netzhaut durch direktes Ansehen der Sonne. 1840 erlitt er einen Zusammenbruch. Seine Krise begann. Er lebte drei Jahre in einem verdunkelten, schwarz gestrichenen Zimmer, das er nur selten und nur geschützt durch eine goldene Maske verließ. Als Plateau sich 1843 in sein Minimalflächen-Laboratorium zurückzog, verließ Fechner gerade zum ersten Mal seine Dunkelkammer, trat in den Garten hinaus, war überwältigt von der Schönheit der Blumen, schrieb wie im Rausch das erste Werk überhaupt zur Pflanzenpsychologie ("Nanna, oder über das Seelenleben der Pflanzen") und war fortan ein Ausbund an Gesundheit und Lebensfreude.
Als Plateau und Fechner fast dreißig Jahre später über die mathematische Formel zur Bestimmung der Reizschwelle, also der Schnittstelle zwischen physikalischer und geistiger Welt, aneinandergerieten, trafen deshalb zwei Veteranen der Selbstblendung der vierziger Jahre aufeinander: ein hart gebliebener und ein weich gewordener, einer der den schwachen inneren Lichtfunken angefacht hatte und einer der geläutert auf dem äußeren Lichtstrom ritt.

 

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Kleine Schule der Hypnose. Teil 1

Das erste Buch über Erkrankungen der deutschen Seele infolge des Mauerbaus ("Die Mauerkrankheit", 1982) stammt aus der Feder des Direktors der Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik in Leipzig, Müller-Hegemann. Das Buch erschien nach der Emigration Müller-Hegemanns in den Westen. Neben Kleinsorge und Klumbies in Jena und Katzenstein in Berlin, gehörte Müller-Hegemann zu den bedeutendsten Förderern der Hypnose-Forschung in der DDR. Wohl nicht zufällig wandten sich Psychotherapie und Psychiatrie unmittelbar nach dem Mauerbau verstärkt der Erforschung und Modifizierung von zum Teil seit Mitte des letzten Jahrhunderts bekannten suggestiven Verfahren zu. Bereits 1962 veranstaltete die DDR auf Initiative Müller-Hegemanns in Leipzig ihren ersten Hypnosekongress. Das war der Startschuß. Unmittelbar nach dem Kongress wurde von den Zentren Jena und Leipzig aus eine massive Kampagne zur Etablierung hypnotischer Techniken in der Allgemeinmedizin gestartet. Tausende von praktischen Ärzten lernten in Fortbildungskursen die Anfangsgründe der suggestiven Therapie. Sie wurden in die Lage versetzt, posthypnotische Befehle zu erteilen: "Ablationen" nach dem Klumbiesschen Verfahren durchzuführen. Im Ablationsverfahren versenkt der Therapeut in seinem Klienten eine Art von "suggestivem Depot", auf dessen heilkräftige Wirkung der Kranke immer dann zurückgreifen kann, wenn sich sein Symptom zeigt: Schlaf- oder sexuelle Störungen, Neurosen, Schmerzen, Angstzustände etc. Der posthypnotische Befehl hüllt dann das Symptom ein, transportiert es auf Schleichwegen des Unbewußten ab und wirft es in ein Seelenverließ. Anfang der siebziger Jahre konnte die Operation "Puységur" anlaufen, in deren Verlauf ein großer Teil der erwachsenen Bevölkerung hypnotisiert wurde. Allein im Zentrum Jena wurden in dreißig Jahren 160 000 Einzelhypnosen durchgeführt, die Zahl der landesweit durchgeführten Hypnosen wird auf sechs Millionen geschätzt. Hypnosetechnik wurde zu einem Exportartikel der DDR-Wissenschaft. Sowjetischen Kosmonauten, die Matrosen der sowjetischen Fischereiflotte und andere Berufsgruppen in extremen Situationen wurden nach Klumbiesschen suggestiven Verfahren auf ihre Aufgaben vorbereitet. Ebenso die Spitzensportler der DDR. Aber das waren nur Nebenprodukte. Die Operation "Puységur" zielte auf die posthypnotische Konditionierung des gesamten Volkes. Wie kam es dazu?

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Kleine Schule der Hypnose. Teil 2.

Die Operation "Puységur" zur flächendeckenden DDR-Hypnose wurde durch eine Studie ausgelöst, die kurz vor dem Bau der Mauer, 1960, entstanden war und einen schrecklichen Verdacht äußerte: daß aus der Zeit des Dritten Reiches eine posthypnotische Programmierung sowohl nach Ost- wie nach Westdeutschland hineinragte. Es ist unbekannt, ob in der Studie der Inhalt dieses Befehls und der Code seiner Auslösung entschlüsselt wurden. Auftraggeber und Verfasser der Studie sind ebenfalls unbekannt. Unbekannt ist zum dritten, ob die Studie überhaupt existiert.
Nie wurde die Studie " Über Bewußtseinsschatten. Psycholinguistisches Programmieren im Faschismus, Hereinragen seiner Codes in die Nachkriegswirklichkeit" offiziell erwähnt oder auch nur auszugsweise publiziert. Unter Eingeweihten kursierten als Verfasser der Studie hinter vorgehaltener Hand die Organisation "Neues Exegetisches Kollektiv" unter Leitung Mohnheims. Auch der Eingeweihteste konnte sich im Traum nicht vorstellen, was ein Neue Exegetisches Kollektiv sein oder womit es sich vielleicht befassen könnte. Das Unbekannte wird immer mit einem Namen des Geheimen bezeichnet. Stasi. Oder sogar: Gestapo. Werwolf! Man verspannt das Geheime im Vorstellen, indem man es nach der Tätowierung mit einem bekannten Geheimnamen wieder bei seinem eigenen Namen nennt. Unter Leuten, die beurteilen konnten, mit welcher Energie die Hypnose-Operation "Puységur" durchgezogen wurde, klang "Neues Exegetisches Kollektiv" wie ein Begriff aus der Überwelt. Der Name Mohnheim hatte immerhin einen Repräsentanten. In den frühen 50er Jahren hatte ein Rupert Mohnheim als Psychiater und Neurologe in Jena praktiziert. 1955 war er verschwunden, wobei als besonders verdächtig betrachtet wurde, das seine Praxis in Jena nach wie vor existierte. Am Tor einer heruntergekommenen Villa aus den Gründerjahren hängt auch heute noch das Messingschild mit seinem Namen. Rupert Mohnheim, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Dunkelfeldtherapie." 

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Julius Sonntag, Literaturwissenschaftler an der Universität Kiel*, schreibt in seiner 1985 erschienenen Monographie über die Literaturszene des Vormärz "Mehr Licht - Vormärz und Nachapril", 1985:

GEORGE SAND AUF DEN LIPPEN, HAHN-HAHN IN DER TASCHE
Ida Marie Luise Gustave Gräfin von Hahn-Hahn wird am 22.6.1805 in Tressow (Mecklenburg) als erste Tochter der Gräfin Sophie (geborene von Behr) und des Grafen Karl von Hahn geboren.
1809 wird die Ehe der Eltern geschieden, Karl von Hahn wird entmündigt. Familienehre und -vermögen der alten mecklenburgischen Adelsfamilien haben durch die manische Theaterleidenschaft des Grafen schweren Schaden genommen.
Die Mutter zieht mit ihren vier Kindern nach Rostock, dann nach Neubrandenburg und schließlich nach Greifswald, wo Ida zur Schule geht und 1826 ihren Vetter, den Grafen Friedrich von Hahn-Basedow heiratet.
1829 wird die Ehe aufgelöst. Sie nimmt ihren Mädchennamen wieder an. Ihre taubstumme und geistig behinderte Tochter Antonie wird geboren.
Nach einigen Gedichtbänden veröffentlicht sie 1838 mit "Ida Schönholm" ihren ersten Roman, der ein beispielloser Erfolg wird. Eine ganze Generation junger Frauen erkennt sich in Ida-Ida wieder, die von sich sagt: "Meine Seele ist von der Art, daß sie gewinnt, wenn die Schleier fallen. Ich stelle mich nicht zu hoch, ich weiß sehr wohl, daß es Millionen schönere Weiber gibt, tausend klügere, einige bessere, allein was Herz und Phantasie betrifft, so suche ich wieder unter Millionen meinesgleichen."

1839 schreibt sie ihren zweiten, ebenso erfolgreichen Roman und absolviert die obligatorische Italienreise. Dann bereist sie ganz Europa. Schließlich den Orient, das höchste der Gefühle! Eine deutsche Adlige unter Muselmanen! Eine emanzipierte junge Frau nächtigt im Zelt der Beduinen! Die Berichte über ihre Reisen sind Bestseller. Fürst Pückler macht ihr den Hof. "Humbold erweist ihr die größte Aufmerksamkeit". Sie ist prominent.

"Berlin ist groß und wimmelt zu allen Zeiten von Literaturfreunden beiderlei Geschlechts; dilettierende Lieutenants, sentimentale Jungfrauen im Schiller-Stadium und emanzipationssüchtige mit George Sand auf den Lippen und der Hahn-Hahn in der Tasche", schreibt der junge Theodor Fontane.
Ihre Eitelkeit ist ein vielbesprochenes Thema, ebenso ihre Bescheidenheit, ihre Schönheit wie ihre Häßlichkeit, ihre Libertinage wie ihre Prüderie, ihre angebliche Liebe zu Frauen, zu Beduinen, zu Demokraten, zu Reaktionären - die Gräfin irrisiert.
Nun ist sie sehr prominent.

1840 kommt die Wende. Im Verlauf einer tragischen Liebesgeschichte unterzieht sie sich einer Augenoperation. Plötzlich fühlt sie sich durch einen bis dahin als "charmant" empfundenen leichten Silberblick entstellt- und verliert das linke Auge. Ihre Reisetätigkeit nimmt manische Züge an: "Es treibt mich hinaus. Flucht! Flucht!" Wieder fährt sie in den Orient, für ein ganzes Jahr diesmal. Smyrna, Beirut, Damaskus, Jerusalem. Sie bleibt einige Monate in Ägypten.
1844 erscheinen die vierbändigen "Orientalischen Reisebriefe". Neue Reisen, in den Norden, nach Irland, nach Sizilien und Spanien. Gehetzt durcheilt sie Europa - und kapituliert 1850. Die Flucht ist mißlungen. Die Gräfin aus altem protestantischem Adel bittet darum, in die Katholische Kirche aufgenommen zu werden.
1851 distanziert sie sich von allen vor ihrer Konversion geschriebenen Werken und versucht Neuauflagen zu verhindern.
1854 gründet sie nach einem Noviziat im Kloster Angers das Stift "Zum guten Hirten" in Mainz, als Rettungsstätte für unverheiratete Mütter und finanziert es aus eigenen Mitteln. Sie lebt selbst im "Guten Hirten", in einer kleinen Kammer wie die gefallenen Mädchen. Sie schreibt nun Mariengedichte und historisch-apologetische Schriften.
1860-80 kehrt sie zum Roman zurück und verfaßt vierzehn "katholische Romane."
1880 stirbt sie.