AURORA  TEIL III   PICATRIX HOME  
   

Was bisher geschah*
Teil1*
Teil2*
Ida Hahn Hahn*
Selbstblender*
Geschichte der Hypnose1*
Geschichte der Hypnose2*
Personal*
Musik*
Wörterbuch*

   


Vor dem ehemaligen Haus Rupert Mohnheims in Jena wurden Sonntag und Freitag von einer schwarzen Limousine abgeholt. Nach einer langen und wirren Fahrt hält der Wagen. Die Beiden steigen aus und sind vollkommen orientierungslos. Vor ihnen ein riesiges Tor durch dessen Spalt gleißendes Licht dringt. Zögernd treten sie ein. Eine Batterie blendender Scheinwerfer wird nun abgeschaltet. Musiker eines Orchesters haben ihr Spiel abgebrochen und räumen im Halbdunkel eilig ihre Plätze.
Eine Projektion wird vorbereitet, eine Leinwand senkt sich aus dem Dunkeln herab. Einzige Lichtquelle ist nun eine Schreibtischlampe. Wohin hat Mohnheim sie gerufen? In eine Fabrikhalle, einen Konzertsaal, ein Kino?
Lautsprecherknacken..Stimmen:

M o h n h e i m
Mohnheim und Weiss wollen versuchen, zu heilen.

W e i s s
Mohnheim und Weiss wollen versuchen, zu helfen.


M o h n h e i m
Mohnheim und Weiss wollen versuchen, ein Gleichnis des Wesens Hitlers zu geben.


W e i s s
Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: "Warum redest Du zu ihnen durch Gleichnisse?"


M o h n h e i m
Der HERR antwortete ihnen und sprach: "Euch ist es gegeben, daß ihr das Geheimnis des Himmelreichs versteht. Diesen aber ist es nicht gegeben.
Darum rede ich zu ihnen durch Gleichnisse, denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht, denn sie begreifen es nicht...


W e i s s
Denn wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe. Wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen werden, was er hat. Wer es fassen kann, der fasse es."


Der Strahl des Projektorlichts durchschneidet nun das Dunkel. Auf der Leinwand erscheint die letzte Tafel des Wörterbuchs.

M o h n h e i m
Der Gedanke des Gefässes wird vielfältig, in allen Texten, in aller Sprache sichtbar. Dieses Gefäss heißen wir HUA. Wenn wir den Text Mattaeus 13, Vers 9/10 besprechen und in seinem Zusammenhang den Gedanken des Gefässes als HUA vorzufinden glauben, dann reden wir uns nicht ein, auch nur einen Faden tief die Tiefe über der Erde ausgelotet zu haben, die dieses Wort des HERRN jäh aufreißen läßt und wieder verhüllt. Im Geheimnis wittern wir ein Gefäß des Himmelreiches, aber auch wenn wir uns weder eine Vorstellung vom Geheimnis noch vom Himmelreich machen wollen, können wir verstehen, daß Geheimnis und Himmelreich einander jeweils fassen. Das Geheimnis faßt das Himmelreich und verschüttet nichts. Das Himmelreich ist vollständig ausgießbar ins Geheimnis und kein Tropfen bleibt. Zwei Gefässe.

W e i s s
Das Neue Exegetische Kollektiv *NEK arbeitet, wenn man so will, in Gefäßen und mit Gefäßen. Die Dunkelfeldtherapie basiert auf der Aktivierung des Gefäßlautes im Dunkelfeld, wo das *GEFÄSS-L-ICH kalibriert wird.
Die Kalibrierung des *GEFÄSS-L-ICH im Dunkelfeld der eigens konstruierten Dunkelkammer greift in der Vergangenheit des Einzelnen und der Massen nach dem blitzartigen Moment der Urzeugung; obwohl nur in komplizierten Näherungen bestimmbar, ist die Urzeugung doch auch faßbar (gesehen aus dem Modell der sich ineinander ergießenden Gefäße) und therapierbar, wenn sie mißlungen ist.
In jedem von uns ist Mißlungenes. Manchmal in der Geschichte häuft sich das Mißlungene zu einem schwarzen Magnetberg an. Schiffen, die den Magnetberg passieren, werden von seiner Kraft die Nägel aus den Planken gezogen.
Mit einem solchen Magnetberg aus verschlungenem Mißlungenem haben wir es zu tun. Wir gehen nicht bewußt das Risiko ein, vom mißlungenen Verschlungenen mitverschlungen zu werden, aber wir schlingern oft und verschleißen viele Schiffe.

M o h n h e i m
Denn wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe. Wer das Gefäss hat, dem wird es gefüllt. Wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen werden, was er hat. Wer kein Gefäß hat, von dem wird auch kein Gefäß genommen werden. Wer es fassen kann, der fasse es. Wer ein Gefäss hat, der soll es füllen.

Kurzer Gedanke
W e i s s
Wie das Auge das Wider-Gefäß des Gestirns ist. Und das Gestirn öffnet sich ins Gehirn.

   

Auf der Leinwand erscheinen die Filmfragmente in der gewohnten Reihenfolge, angeführt von den 75 Synchronklappen.
Die Aufmerksamkeit gilt besonders den Salons der Gräfin Ida Hahn Hahn.

W e i s s
Wir führen eine Entschlüsselung durch. Wir begeben uns in die Szene, die der Sammler aus Teil 1 als Bewegungen aus einem biographischen Salon in einen allegorischen bezeichnet hat. Der allegorische Salon ist gekennzeichnet durch eine verführerische Fülle allegorischer Gemälde aus der Renaissance.
Aus dem wichtigsten dieser Gemälde wurde ein bestimmtes Element kopiert und aus der Gemäldefläche auf die Filmfläche übertragen. Dieses Element, das sogenannte Produzentendoppelporträt, ist nun seinerseits verschlüsselt. Der Sammler und Finder der Fragmente hat den Code dieses Elements entschlüsselt.
Er wird diese Entschlüsselung nun kurz demonstrieren.

   
 

Der Sammler, im Kostüm eines Pierrots von Watteau, beginnt mit einer Schere das Doppelportrait aus seinem Rahmen, und die abgebildeten Gesichter in jeweils zwei Hälften zu zerschneiden.

Von den so entstandenen vier Gesichtshälften des Doppelportraits nimmt er die beiden linken und tauscht sie gegeneinander aus.

Es entsteht so zweimal das gleiche Gesicht. Einmal seitenrichtig und einmal seitenverkehrt.

Mit einem Filzstift malt er beiden ein schwarzes Quadrat unter die Nase.


Neuer Gedanke

W e i s s
Wir sehen ohne Überraschung vor uns, was bei der Entschlüsslungsübung des Sammlers aus Teil 1 herausgekommen ist. Verschlüsselung in der Symmetrie, Entschlüsselung in der Asymmetrisierung, die aber eine vor dem Verschlüsslungsvorgang vorhandene Symmetrie wiederherstellt. Hier wird im Sichtbaren durch die Entschlüsslungskunst des Sammlers ein im Sichtbaren verstecktes Unsichtbares sichtbar. Nötigt uns das Respekt ab? Für den Entschlüssler, für den Verschlüssler? Und kennen wir wirklich den Verschlüssler, wenn wir das entschlüsselte Bild sehen?

M o h n h e i m
Wir sehen die Entschlüsslungsmethode des Sammlers und die Verschlüsslungs-methode des Regisseurs,
zwei Operationen in der Symmetrie. Hitlers Gesicht erscheint. Aus dieser Tatsache hat der Sammler begierig auf Hitler als Regisseur geschlossen.

Ist dieser Schluß berechtigt? Aus links und rechts fügt sich geradeaus. Das Gesicht nimmt in dem Fragment unzweifelhaft eine allegorisch definierte Position ein. Mit den Positionierungen des Breughel/Rubens-Bildes gelesen, sehen wir Hitlers in der Symmetrie verstelltes Gesicht in der Position des Schirmherrn.
Haben die Infantin und der Erzherzog, die Breughel/Rubens die Produktion der Allegorie des Gesichtssinn* im Zyklus der Fünfsinne ermöglichten, an der Herstellung des Gemäldes mitgewirkt? Nein, sie haben nur den Schirm geliefert. Auf ihrem Schirm erschien die Allegorie des Auges als Lesbarkeit der Welt. Dieser Schirm beschirmt die vollständige Lesbarkeit der Bilder. Das ist der Macht-Schirm. Er sanktioniert. Er bringt die Insignien der Macht dort an, wo im Rutenbündel der römischen Liktoren das Beil angebracht ist. Auf dem Schirm der Macht erscheint der illusionäre Raum.

   

Sonntag und Freitag sind zurück-
gekehrt. Auch sie sind beide seltsam kostümiert.
Sonntag in der Uniform eines holländischen Soldaten* (Velazques 17.Jahrh.) Freitag in den Kleidern eines Schäfers* (Poussin 17.Jahrh.)

M o h n h e i m
Jeder kann sich davon überzeugen, daß in der Dunkelheit immer auch etwas zu sehen ist. In einem völlig abgedunkelten Raum oder auch beim Einschlafen, in einer Dunkelkammer also, wird man nach kurzer Zeit sehr rasch veränderliche Objekte beobachten in Form von Funken, Feuerkugeln, kleinen Blitzen, Nebeln, Spinnweben, Gitterwerk, silbrigen Stäuben, metamorphotischen Farbfeldern, schwarzen Konturen im Schwarz, Schlieren, die nach innen zu leuchten scheinen.
Diese und ähnliche Phänomene können auch durch mechanische Reizung des Auges durch Druck oder Schlag oder durch willentliche Vorstellung hervorgerufen werden.
Man kann die beweglichen Meteore mit etwas Konzentration auf "das in seiner Ruhe sich dunkel anschauende Sehorgan" , den blinden Schirm, zaubern; allerdings lassen sich solche Konzentrationsbilder ebensowenig wie Einschlafbilder, Schlagbilder oder Dunkelkammerbilder fixieren. Darin, vielleicht nicht nur darin, ähneln sie Gesichtswahrnehmungen in Delirien oder Wahnvorstellungen.

W e i s s
Auch hier zeichnen sich die Bilder durch ihre eigenbewegliche Schnelligkeit aus. Menschen in solchen Zuständen fühlen sich allerdings durch ihre Gesichtswahrnehmungen bedroht; sie haben echte Halluzinationen;
sie befinden sich mit echten weißen Mäuse, bewegliche Fäden, krabbelnde Käfern in einem Raum. Ihre Gesichtswahrnehmungen haben die echte schwer Wucht des Wirklichen.


M o h n h e i m
Das äußere fertige Licht kann nur dann selbst leuchten, wenn ihm ein Auge aufleuchtend entgegensieht. Sie können beide nicht anders.

W e i s s
Das hört sich poetisch an, ist aber so. "Der Lichtnerve empfindet seine Affektation immer als Lichtempfindung", schreibt Johannes Müller in seinem Buch "Über die Phantastischen Gesichtserscheinungen." Das Auge empfindet seine Reizung immer als Selbstleuchten. Das im einfallenden Licht aufleuchtende Auge vollzieht den Vorgang "Sehen". Den vollzieht es aber auch auf ganz andere, dem Licht entgegengesetzte Weise.

M o h n h e i m
Ob durch Licht oder Schlag gereizt, das Auge leuchtet auf. Das Auge antwortet auf Reiz also wie ein Blinkfeuer. Es blendet rhythmisch auf und ab zwischen den Zuständen Licht und Kein Licht. Ob es auf eine Reizung nur antwortet oder das Reizende selbst hervorruft? Können wir das nicht vorläufig zurückstellen? Das Auge sendet einen Code aus. Das muß doch reichen. Die Entschlüsslung dieses Leuchtcodes des Auges könnte uns bei der Lösung unseres Probelms helfen.

W e i s s
Illusionäre Räume schleudern Protuberanzen in ihre Umgebung. Die aus der Urhirnblase hervorgeschleuderte Augenblase zum Beispiel ist eine Protuberanz aus dem Urillusionsraum des Gehirns.
Dieser Raum ist der erste und ursprüngliche Innenraum der Chorda-Tiere. Wir sind Chordatiere und unterscheiden uns von den Nicht-Chordatieren durch die Ausformung und Entwicklung der Markröhre. Das ist ein rechteckiges Stück Teig, dessen Ränder sich hochwölben, bis aus dem Rechteck eine Schale geworden ist. Aus der Fläche ist ein Gefäß gewachsen.
Das Gefäß füllt sich mit Raum, indem die hochgewölbten Ränder sich vereinigen. Nun sieht die Markröhre aus wie eine dicke kurze Makkaroni. Ihre Enden sind geschlitzt. Aus dem kranialen Ende wächst die Gehirnblase, aus dem kaudalen der Schwanz.
In dieser Phase sind menschliche Embryonen nicht von Amphibien-Embryonen zu unterscheiden. Nun krümmt sich die Röhre und schließt ihre Enden. Sie beginnt zu schwingen, schwingt ihr kraniales Kopfende auf das kaudale Schwanzende zu und beginnt zu rotieren.
Im Feld der zentripetalen Bewegung entwölbt sich der kranialen, gegen den Uhrzeigersinn rotierenden Seite der Unterdruckraum der Urhirnblase. Das vollendete, geschlossene und gefüllte Gefäß der rotierenden Markröhre gießt sich aus in die beiden Entsprechungen seiner Gefäßhaftigkeit: nach vorne in den Illusionsraum der Urhirnblase, wo das Gefäß nun das, womit es erfüllt ist, als seinen Geist hineingießt, nach hinten durch den Abbau des Schwanzes.
Dieser Abbau liefert die Rotationsenergie und modelliert den After, durch den sich einmal alles in den umgebenden Raum ergießen soll. Die Urhirnblase vergeht. Sie faßt es nicht. Bei sehr einfachen Chordatieren, z.B. Ascidia, verschwindet die primäre Hirnblase mit dem Erwachsenwerden wieder ohne weitere Folgen.
Der in sie ausgegossene Geist fließt in den Körper zurück; solche Tiere zittern nur, nachdem die primäre Rotation vorne und hinten definiert hat, alles weitere regeln sie ohne Gehirn allein mit ihrem Gefäß durch das Zittern ihrer Körper.
Die Gehirntiere erhöhen dagegen ihre Rotationsgeschwindigkeit. Wie ergrimmt durch die Möglichkeit der Ausgestaltung des aus dem Gefäß der Röhre gefüllten Geistraums, des illusionären Raums, opfern sie die einfache mit dem Einfachen der Ecxistenz gefüllte Urblase. Aus eins wird drei.
Drei Gehirnkammern repräsentieren nun das einige Eine, aber sie vergessen es auch: Prosencephalon, Mesencepahlon und Rhombencepahlon bilden die primäre Hirnblase aus der Urhirnblase. Später vollziehen sie eine weitere Teilung, an deren Ende fünf Hirnbezirke stehen.
Unter diesem ausgebildeten Schirm stehen wir. Das Prosencephalon, einer der drei Repräsentanten des Einen Einigen, stülpt in dieser Morgenröte der Entwicklung die Augenblasen aus. Symmetrisch lösen sie sich aus der Wand der Prosencephalonblase, der am weitesten vorn, in der Richtung der grimmigen Rotation gelegenen in die Wahrnehmung, und schließen die Öffnung des alten Einen Einigen in den Raum seiner Bedingungen.
Mit Stengeln, wie Blütenstengeln, bleiben die Augenblasen mit der Hirnblase verbunden. Und wie die Blüte nichts vom Erdreich ahnt, während sie das Gestirn ansieht, ahnt die Wurzel nichts vom Gestirn, während sie in der Dunkelheit wurzelt. Blüte und Wurzel, Auge und Gehirn haben sich je eigene illusionäre Räume geöffnet. Und zwischen beiden vermittelt ein Stengel.

M o h n h e i m
Die Blüte ist aber ein Geschlechtsteil.
Warum redest du zu ihnen durch Gleichnisse? 

   
 

Sammler
Ich gebe zu, daß ich das Buch aus dem Film von einem Buchbinder habe nachmachen lassen. Alle Bücher, deren Rückentitel im Hiltl-Bücherschrank im allegorischen Salon - jawohl, allegorischen Salon! - entzifferbar sind, habe ich mir besorgt oder doch wenigstens in einer Bibliothek angesehen.

Aber dieses eine schwarz-weiße Buch, brauner Halblederband mit etwas Rückenvergoldung und angedeuteten Bünden, grüner Rückenschild mit goldenem Rückentitel: Pyrophilus* von Ed. van Waaren, dieses eine Buch ist nie erschienen.
Ich habe alles versucht. Das Buch ist nicht nachweisbar. Da habe ich, um die Sammlung zu komplettieren, dieses eine einzige Buch nachmachen lassen. Gut.
Das gebe ich zu. Und? Daß ich es Sonntag geschenkt habe, nachdem er mir so nett bei der Gräfin Hahn-Hahn geholfen hatte, lag daran, daß er ungewöhnlich stark auf den Titel und das Objekt reagierte und ich dieses farbige Buch mit seinem rote Worte ausspuckenden Titel nicht mehr ertragen konnte.
Ich war schon dabei, zu bereuen, daß ich es hatte fälschen lassen. Da schenkte ich es her. Na und? Was sagt das über den Film.

   

Sonntag
Welchen Film? Was meint er eigentlich mit Film, Freitag? Buch, das verstehe ich. Buch. Mohnheim hat es konfisziert. Er hat es aufgeschlagen, durchgeblättert und dünn gelächelt. Ach so, hat er gedacht, ach so einer ist das.

   

Freitag
Wieso ach so einer, Westgruppenleiter?

   
 

Sonntag
Ein Lügner. Man nennt mich einen Lügner.

Merken Sie denn nicht, was hier passiert? Wir werden Sünden zugeordnet.
Wir sind drei Stück Allegorie für die Sünde der Lüge. Lügenbeutel. Gefäße der Lüge. Der Sammler ist ein Lügner, ich bin ein Lügner und Sie sind wahrscheinlich der größte Lügner. Sie sind der Erzlügner, das werden Sie schon sehen.
Ich habe eigentlich nichts getan.
Ein bißchen in der Biographie der Gräfin Hahn-Hahn herumgelogen. Gut. Aber weiter nichts.
Mit Hitler habe ich mich nicht eingelassen. Ich habe immer vor ihm gewarnt. Erinnern Sie sich nicht? Freitag, habe ich gesagt: lassen Sie die Finger von Hitler. Aber nein: Hitler sollte blind sein. In der Blindheit sollte er eine Vision haben...

   
 

Freitag
Nein, eine Öffnung in der Stirn. Über diese Öffnung fing er den gebündelten Strahl auf, den nur das Volk der Deutschen ausgesendet haben kann. Dadurch wurde Hitler hypnotisiert. Das ist die Halluzi-Nation der Deutschen.

Dafür haben die sich hier doch interessiert. Deshalb sind wir doch nur hier, nicht wegen dieses blöden Films. Wir können froh sein, daß wir ihn nicht kennen.
Wie soll denn der blinde Hitler einen Film gedreht haben? Ich habe Ihnen oft genug erklärt, daß Hypnotisierter und Hypnotiseur durch Komplizenschaft in den Zustand der Hypnose gelangen, daß sie sich gegenseitig triggern. Denken Sie an den Abbé Faria.

   
 

Sonntag
Kenn ich nicht. Ist mir egal. Ich gebe alles zu. Ich sage, bitteschön, machen Sie mit mir, was Sie wollen. Mein Gewissen ist rein.

   
     
 

W e i s s
Wir hypnotisieren Freitag nach der Fariaschen Methode.
Er soll sich hinsetzen und entspannen. Er soll sich konzentrieren.
Ganz entspannt. Ganz wach.
Der Hypnotiseur zeigt ihm seine beiden erhobenen Handflächen und fordert ihn auf die Handflächen aufmerksam zu betrachten. Handflächen fixieren. Nur fixieren. Ansehen Handflächen. Alle Aufmerksamkeit Handflächen.
Wärend er seinen Klienten ins Aufmerksamkeitsmaximum treibt, fixiert er ihn seinerseits mit furchterregendem Svengali-Blick und befiehlt mit lauter Stimme: Schlafen Sie! Daraufhin fällt Freitag in Schlaf.
Wir haben seinen Aufmerksamkeitsschirm durchschlagen und sind in den hypnotischen Raum eingedrungen.
In den Raum zwischen Aufmerksamkeit und Tod. In den Illusionsraum.

M o h n h e i m
Wir verabreichen die erste Dosis des Halluzinogens oral in Wasser gelöst. 200 Gamma LSD. Wenn Zeichen von Widerstandes oder Angst auftreten, bzw. wenn die Reaktion nicht ausgeprägt genug ist werden weitere 150 Gamma injiziert. Einverstanden.
Das Setting strahlt Harmonie, Ausgewogenheit und Ruhe aus. Geschmackvoll eingerichteter, gegen Schall isolierter Raum, Blumenarrangements, Bilder mit Darstellungen christlicher Kunst, die Dekoration muß symbolische Betrachtungsmöglichkeiten erlauben: eine brennende Kerze , eine einzelne Rose, eine Früchteschale, eine kleine Marienstatue mit Kind. Anfangs entspannende Musik, die später dem ekstatischen Höhepunkt zuführt.
Der Sammler liegt auf einer bequemen Couch, wird gebeten, sich zu entspannen, der Musik zuzuhören, zwei Helfer stehen bereit, ihm mit Handauflegen oder Worten Zuspruch und Trost zu geben, falls es nötig werden sollte.

   
 

Sammler
Noch nie in meinem Leben hatte ich etwas so Schönes gesehen.
Die Filmfragmente wurden mein neues Leben. Diese Sinnfülle.
Wie alles sich fügte, ineinander geschachtelt, aber nach allen Richtungen mit sich selbst versöhnt. Lesbar von jedem Ausgangspunkt aus in jede Richtung mit Hilfe des Mittels der Allegorie.
Unsere Kultur basiert auf der Allegorie, ihre Kommunikationsformen sind allegorisch.
Je tiefer ich in die Filmfragmente eindrang, desto deutlicher trat das allegorische Fundament unserer Wirklichkeit vor mein inneres Auge. Ich verlor jedes Interesse an den gängigen fragmentierten Sinnmodellen.
Ich wollte mich in der Fülle des Fragments auflösen, eins werden mit einer Vision, die so stark und geschlossen und endültig und einfach war.
So einfach. So schwer zu verstehen, aber mit dem Versprechen: wenn du strebts und dich mühst, dann zeigt sich dir schließlich das Licht und füllt dich aus.
Und wenn das Licht dich ausfüllt, hat alles Fragen ein Ende.
Dann ist alles einfach.

   
 

W e i s s
Ein Faszinationssyndrom muß in der Dunkelfeldtherapie mit der Öffnung einer Grenzerfahrung behandelt werden. In der Grenzerfahrung erscheint das Faszinosum, wie es zum Beispiel damals bei Philipp Jenninger erschienen ist.
Das Erscheinen des Faszinosums, das den Illusionsraum mit Imitationen füllt , nämlich Imitationen des Gefülltseins, des Fassens, des Gefäßgefühls, dieses Erscheinen hat Ähnlichkeit mit Besessenheitszuständen.
Faszination ist Süchtigkeit. Nicht zufällig gehen "Faschismus" und "Faszination" auf dasselbe Wort zurück. Das Rutenbündel der römischen Liktoren barg, verbarg und enthüllte gleichzeitig das Beil des Henkers. Die Ruten bilden in ihrem Innern einen illusionären Raum. Sie rastern den Raum des Beiles: der Gerechtigkeit, des Gesetzes, der Macht, des Staates, des Totalitären in seiner Grundform.
Immer wenn die fasces gezeigt werden, fährt das Beil hervor und die Ruten bändigen es gleichzeitig im nur teilweise Sichtbaren. Faszination könnte man so Verrutung nennen. Der Faszinierte verirrt sich in die Umfriedung der Ruten und fängt sich in ihr. Er möchte das Beil berühren und verkennt, daß ein illusionärer Raum, wenn man ihn betritt, leer ist.
Dann hat er das Beil im Kopf.

   
  

Kleine Geschichte der Hypnose.Teil 3*

   
 

M o h n h e i m
Wie entsteht ein illusionärer Raum? Wie dringt man in einen illusionären Raum ein? Wie schließt man therapeutisch einen illusionären Raum auf? Wie füllt man ihn mit neuem *uerg? Wie schließt man ihn wieder, der ja, einmal geöffnet, wie eine Wunde ist?

Zur Beantwortung dieser Fragen muß eine Methode angegeben werden, mit der sich alle möglichen illusionären Räume definieren lassen. Diese Methode heißt Trinität. Die Trinitäts-Methode versucht sich immer wieder aus dem großen *uerg-Raum der christlichen Trinität zu füllen, ein Gefäß für das zu bilden, was sich aus der Trinität ausgießt.
Zwei Beispiele der Trinitätsmethode sind bereits umrissen.
Erstens die Entwicklung des Gehirns aus drei Starterhirnen, von denen eins die Augenblasen ausstülpt.
Zweitens die Dreiteilung der Krankheiten in Kategorien der Besessenheit als circumsessio, obsessio und possessio.
Drittens werden wir nach der Trinitätsmethode untersuchen, wie die Trias der Urlaute HUA RA und DZA aus dem Urlaut ausstülpt, um dann im Erdzeitalter der Trias, der Dreizeit, das Aufeinanderprallen zweier Wahrnehmungsräume zu untersuchen. Nebenbei behandeln wir Sammler, Sonntag und Freitag.
Wir verhüllen ihnen den Namen Hitlers. Denn daß Hitler nicht der wahre Name Hitlers ist, wird sich bald zeigen.

W e i s s
"Jeder Organismus ist die Endresultante der Entwicklungsgeschichte aller Organismen, und der Mensch ist seine entwicklungsgeschichtliche Krönung. Seine Krone ist das Gehirn, inwendig getragen, ins Dunkel geklappt, in ewiger Lichtferne vegetierend, begierig und angewiesen auf Mittheilungen aus zweiter Hand und so weiter und so fort."

Textstellen aus dem "Pyrophilus*", den der Sammler aus dem Film genommen und zu einem Buch in der Wirklichkeit geformt hat. Sonntag hat das Buch genommen und begonnen, ihm einen Inhalt zu erdichten. Diese Arbeit ist Fragment geblieben.
Die Fragmente hat er nach Jena zu unserem Inoffiziellen Mitarbeiter Freitag gebracht. Hier ist der Buchtitel aus dem Film materialisiert. Hier bricht die erste Formations- und Informationskette ab.
In Jena wird aus dem winzigen Detail eines filmischen Arrangemente ein unsichtbarer, zitierbarer Beweis. Ein Kreis schließt sich. Eine neue Formations-Informationskette beginnt.
Das Neue Exegetische Kollektiv hat sich viel vom "Pyrophilus" versprochen. Der von Sonntag formulierte, von Freitag memorierte und in die Wirklichkeit transformierte Passus im "Pyrophilus", der sich auf die Halluzi-Nation bezieht, hat den Nerv unserer Organisation getroffen und wir haben im Rahmen unserer Ethischen Statuten alles dafür getan, das Buch auf eine Ebene zu ziehen, wo wir es lesen konnten.
So gesehen ist die Fälschung des "Pyrophilus" die Materialisation eines Wunsches des Neuen Exegetischen Kollektivs, das auf der ständigen Suche nach neu exigetisierbarem Material ist.
Aus dieser Ebene des Off-Off-Space gesehen, ist auch der Film, den der Sammler untersucht und unter Einsatz aller Kräfte bis zu einem gewissen Grad entschlüsselt hat, die Materialisation eines Wunsches des Neuen Exegetischen Kollektivs. Aber diese Ebene darf uns nur als Ebene freiverschieblicher Operatoren interessieren. Wenn wir sie betreten, wird unsere Anstrengung in einen Schlund gerissen, der schlimmer ist als der Schlund Himmlers.
Auf dieser Eben würde das Neue Exegetische Kollektiv sofort von seinem Material verschlungen. Seine Statuten verbieten dem Neuen Exegetischen Kollektiv aber, sich von seinem Material, das ja auch das Material Hitlers ist, verschlingen zu lassen. Am mißlungenen Verschlungenen mitzuschlingen ist ebenfalls nicht unsere Absicht. Aber wir sehen durchaus die Gefahr, wenn wir den "Pyrophilus" aufschlagen und dort unsere eigenen Sätze lesen.
Was wir begehren, öffnet einen illusionären Raum und bewegt sich in diesem Raum halluzinativ. Nun sehen wir im "Pyrophilus", den der Sammler entschlüsselt und materialisiert hat und Sonntag mit einer neuen Idee verschlüsselt und auf Freitags Ebene wieder dematerialisiert hat, vor allem viele leere Seiten mit einigen wenigen eingestreuten Textblöcken, die über das ganze Buch verteilt wie Fragmente eines verlorengegangenen großen Textes wirken.
Wir stellen also fest, daß aus den Fragmenten des Films die Fragmente eines Buches ausgebrochen sind. Wir stellen darüber hinaus fest, daß aus der Idee des Films ein Gedanke ausgebrochen ist, der den Kontakt zum Grundgedanken unserer Organisation suchte und fand. Durch diese unbestreitbare Tatsache ist unsere Organisation aufs höchste alarmiert. Die Realitas scheint auf einen Grad der Brüchigkeit hinzustreben, der alles möglich erscheinen läßt. Wir müssen Sonntag, Freitag und den Sammler zum Sprechen bringen. Wir müssen auf ihren Körpern allegorische Bilder zum Vorschein bringen wie Gassner auf den Körpern der Klosterfrauen, wie Mesmer auf den Körpern der Pariser Haute Couture im Embryonalstadium und dann wie der Abbé Faria auf den Körpern der ersten Menschen, die hypnotisiert wurden.


M o h n h e i m
Man soll Sonntag nun zum Verhör bringen.

Fahl, fast grün im Gesicht soll er neben seinen Wächtern hertaumeln.
Für Sonntag beginnt nun das Halluzinationstraining. Dem Halluzinationstraining folgt die Psycholinguistische Programmierung, die er für Gehirnwäsche hält. Sonntag befürchtet, lobotomisiert zu werden. Entfernung eines Teils des vorderen Hirnlappens führt durch Fügsamkeit ins Sklaventum.
Sonntag hat auch schon von Wahrheitsdrogen gehört. Aber die stärkste Droge ist die Wahrheit selbst.
Wir planen für Sammler-Sonntag-Freitag eine große Wahrnehmungs-
demonstration mit anschließendem Exorzismus Probativus, also einer ersten Prüfung des Verdachts auf Besessenheit.
Der Chor soll plaziert werden und mit seinen Atemübungen beginnen. Die Zeit wird knapp. Wir müssen heute noch den Exorzismus über die Bühne bringen.

   
     
 

C h o r l e i t e r
Das HUARADZA ist nichts anderes als Atem! Atmen, fühlen Sie die Schwingung des Wortes ATMEN. Ahu-uat-men. Ahu-uat-men! Fühlen Sie. Begreifen sie. Ausatmen! Und bis fünf zählen. Nicht auf das Ausatmen konzentrieren. Der Laut schwingt sich im Einatmen - ahi-ahu-uat-men- auf den Rücken des Atems, im Luftanhalten nimmt er Kontakt zu den Atemgeistern auf, im Ausatmen reitet er in den Hall. Hinaus, hinausatmen. Hinaus in den Hall! Ahu-Ahu-uat-me-hen.

   
 

Finder
Noch nie im Leben wurde mir mehr verheißen.
Ich hatte mir die Fragmente in einer Samstagnacht sehr oft angesehen. So oft, daß ich sie auch sah, als ich eine kurze Pause machte, um meine Augen zu entspannen.
Ich sah ins Weite, meine Aufmerksamkeit wurde von einem Glas gefangen, in dem sich das Licht fing. Da hatte ich eine Vision. Mir war, als ob ich flog.
Und mir war, als ob sich die Erde unter mir ausrollte wie ein Filmstreifen, aber auch wie ein Tableaux, ein bewegtes, modernes Tableauxbild und in den Bildern im Bild stand alles, was es zu wissen gab. Frieden, Glück, Liebe, Auferstehung, Vollständigkeit.
Sammlung ist Vollständigkeit. Vollständigkeit ist Auferstehung. Vollständigkeit. Auferstehung. Könnten Sie mir bitte ein Glas Wasser geben?

   
 

M e d i u m
Achtung, Achtung.
Eine neue Fälschungsebene wurde entdeckt. Visionsfälschung.
Der Sammler arbeitet mit der Kopie einer Vision, die Leni Riefenstahl in ihren Memoiren beschreibt.
Ich zitiere: "Endlich mit großer Verspätung, erschien Hitler, nachdem eine Blaskapelle Marsch um Marsch gespielt hatte. Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf, schrien wie von Sinnen Heil! Heil! Heil! - minutenlang.
Ich saß zu weit entfernt, um Hitlers Gesicht sehen zu können. Nachdem die Rufe verhallten, sprach Hitler: Volksgenossen. Volksgenossinnen."
Achtung, Visionskopie. Ich zitiere weiter: "Merkwürdigerweise hatte ich im gleichen Augenblick eine beinahe apokalyptische Vision, die ich nie mehr vergessen konnte. Mir war, als ob sich die Erdoberfläche vor mir ausbreitete - wie eine Halbkugel, die sich plötzlich in der Mitte spaltet und aus der ein ungeheurer Wasserstrahl herausgeschleudert wurde, so gewaltig, daß er den Himmel berührte und die Erde erschütterte." Danke.

   
 

M o h n h e i m
Fehlalarm. Wir injizieren weitere 250 Gamma LSD.

Klient zögert die Krise hinaus. Es überrascht uns nicht, daß der Sammler die Riefenstahlsche Vision zu kopieren scheint.
Aus unserer Sammlung zeitgenössischer Berichte über visionärer Zustände beim ersten Anblick Hitlers geht seit langem hervor, daß Hitler immer von einer erhöhten Stelle aus visioniert wird. Immer befindet sich der Visionär auf einem Berg oder er fliegt.
Besonders interessant an der Riefenstahlschen Vision - der ja eine enge Beziehung zu Hitler folgte - ist aber, daß sie ihr Erlebnis im Sportpalast einerseits wie einen Film, andererseits als eine Ejakulation oder Eruption beschreibt.
"Mir war, als ob sich die Erdkugel vor mir ausbreitete- wie eine Halbkugel..."
Riefenstahl befindet sich in ihrer Vision sozusagen im Weltraum, aber der Erde gegenüber. Ihre Perspektive ist die einer hohen Warte, deren Höhe aber durch den Abstand zum Beobachtungsobjekt definiert ist.
Die Erdkugel breitet sich vor ihr aus wie auf einer Leinwand. Diesen Betrachterstandpunkt bei beschriebener Objektlage nennen wir APOGÄUM oder Gefäßmaximum.
Vom Apogäum aus werden Objekte im Bereich zwischen übersinnlicher und sinnlicher Welt manipuliert. Die verschiedensten Mächte und Kräfte, die sich bei näherem Hinsehen aber nur als Aspekte der Einen Einigen Kraft erweisen, nehmen Zugriff auf diesen Bereich, der ein Markt ist, ein Tauschmarkt der Codes.
Apogäum ist ein bemerkenswerter Begriff, der im Wörterbuch Countdown 1* und Countdown 2* in verschiedene Richtungen erläutert wird.
Ergänzend wollen wir nur hinzufügen, daß sich im indogermanischen und arabischen AUG- (arabisch: Höhe, deutsch: Auge) zwei Aspekte des Phänomens zeigen, die wir schon oft im Bild der sich ineinander ergießenden Gefäße genannt haben.

   
 

P r e s s e s p r e c h e r
Nach der Akkreditierung eines Vertreters des Neuen Exegetischen Kollektivs beim Heiligen Stuhl und der Aufnahme einiger Elemente der Dunkelfeldtherapie in den tradierten Kanon der Exorzismen, wurden in der Öffentlichkeit Vermutungen über Statuten und Aktivitäten des Neuen Exegetischen Kollektivs laut, die auch da, wo sie auf Wahrheit beruhen, die Wahrheit aus Angst, Eitelkeit, orientierungslos dahinglibberndem schlechten Gewissen, kollektiven Faszinationsstaus und Verdauungsbeschwerden so verdrehen, daß Faszinationsstaus, Verdauungs- und Schlingbeschwerden und Eitelkeit als erstrebenswerte öffentliche Zustände gelten.
Das *NEK beschäftigt sich tatsächlich mit dem Andenken Hitlers in der deutschen Bevölkerung. Es versucht, die deutsche Bevölkerung vor Auswirkungen, die das Andenken an Hitler auf den verschiedensten Ebenen hat, zu bewahren.
Das *NEK bewacht das deutsche Volk. Insofern fahndet es in der Tat nach residualen Resten der Gedanken Hitlers im Andenken der deutschen Bevölkerung und bekennt sich auch offen zu der Tatsache, daß aus der Vergangenheit herauf der Geist Hitlers weiter pulst.
Wir haben Methoden, diese Impulse zu messen und aufzuzeichnen. Und wir haben Methoden, Objekte zu identifizieren und zu analysieren, die aus dem in der Vergangenheit weiterpulsierenden Geist Hitlers in die Gegenwart heraufdringen.
Diese Objekte sind selten. Sinnliche und übersinnliche Welt grenzen aneinander wie zwei Quadrate mit einer gemeinsamen Linie. In der Linie befindet sich der Übertrittspunkt, die permeable Membran zwischen beiden Welten.
Der Charakter der Linie kann nur in Kategorien der klimatischen Verhältnisse im Erdinnern bezeichnet werden, wo die unvorstellbare Tiefe der heißen Gase des Kerns "irgendwo" auf dem Weg hinauf in die Realität unseres Lebens auf festem kühlen Boden ihren Aggregatszustand ändern.
Infiltrate der Gase des Kerns in der festen harschen Kruste, Gold, Diamant, Magmen, Kristalle, können in ihrer Reinheit, ihrer unvermischten Transponiertheit, nur in mathematischen Transmissionsräumen beschrieben werden.
Ihre "Wirklichkeit" ist unbekannt. Das Gold ist in seiner Reinheit ein direkter Entwurf des Kerns, wo offenbar der Geist des Goldes, seine Matrix, in gewaltigen Turbulenzen unvermischt existiert.
Allein dieser Vergleich hat in einer unverständigen Öffentlichkeit, die ganz mit ihrer psycholinguistischen Selbstprogarmmierung beschädigt ist, zu Verdächtigungen geführt. Wir wurden verdächtigt, die Infiltrate aus Hitlers Geist in unserer Welt mit Gold verglichen zu haben, mit etwas Wertvollem.
Nun ist Gold etwas Wertvolles, weil es etwas Seltenes ist. Es ist so selten, weil es so unwahrscheinlich ist, aber auch, weil es über unverwechselbare Eigenschaften verfügt. Darüber verfügen Hitlerinfiltrate allerdings auch. Jedoch sind diese Eigenschaften weder erstrebenswert noch angenehm.

   
 

Kurzer Gedanke
W e i s s
Wir beginnen mit der Projektion. In der Alchimie ist Projektion das Stadium, das der Transmutation vorausgeht. Die Transmutation ist die Umwandlung eines niederen Metalls in ein höheres, also z. B. Blei in Silber oder Gold. Der Alchimist bringt eine Tinktur oder ein Pulver auf dem Blei auf. Der Kontakt der Tinktur mit dem Blei ist die Projektion. Sofort bildet sich ein farbiger, glänzender, spektralfarbiger Schaum, also ein illusionärer Schirm, hinter dem sich die Transmutation vollzieht.

   
 

C h o r l e i t e r
HUA. HUA. HUA. Konzentration. Luftholen, zählen, Luftanhalten, zählen, HUA, dabei zählen. Und...und...HUA. Hua ist der erste der drei Urlaute, denken Sie daran. Er ist dem Donnergrollen abgelauscht und dem Grollen der Berge. Ahu-ahu-uat-men. Denken Sie daran, die Konsonanten triggern die Vokale. HUA. Als ob Sie sich räuspern. Explosiv. Denken Sie daran: einer der drei ehrwürdigen Urlaute. HUA.

C h o r
HUA. HUA. HUA

   
 

M o h n h e i m
Sonntag soll nun eine Vision gezeigt werden. Auf dem Weg zum Verhör, grün im Gesicht, voller Vorstellungen, sieht er von Ferne eine Szene. Darin liegt ein Mann in seinem Alter, mit seiner Statur, also ein Schirm für Sonntags Aussehen auf seiner Imaginationsmatrix. Dieser Mann wird Torturen unterworfen. Sonntag imaginiert sie wie eigene Torturen. Sonntag gesteht.

Sonntag
Ich gestehe alles. Ich unterschreibe alles. Ich habe nichts getan. Tun Sie mir nicht weh. Ich sage, was ich weiß. Ich weiß nichts.

W e i s s
Nun meldet sich, wie nicht anders zu erwarten, der Schmeichler. Er redet mit Engelszungen. Er weint Krokodilstränen. Er würde alles tun und sagen, nur um der Krise zu entgehen. Ich glaube, es reicht jetzt. Wir leiten den Exorzissmus für Sonntag ein. Wir rufen seinen Dämon.

C h o r
Dämon! Dämon! Zeige dich. Dza-hua-damua. Dza! Dza!

M o h n h e i m
Jeder kann HUA selbst erproben. Man räuspert sich tief aus der Kehle und vokalisiert die ausströmende Atemluft durch a und u. Dabei entsteht ein blass vokalisierter eruptiver Laut: HUA, einer der drei Urlaute HUA RA DZA. HUA kommt aus den Räusperlauten, DZA aus den Spucklauten, RA nimmt eine Mittlerstellung ein, er vereinigt Räuspern und Spucken.
Man versteht HUA RA DZA nur im Hall. Daß heißt HUA RA DZA müssen laut werden. Sie können auch von Laien in den Hall gesetzt werden. DZA ist wie doppeltes Spucken: die Nase lässt als Oberton zum von der Zunge mit kleiner Luft im Anprall mit den Zähnen geschleudertem dz scharf die Atemluft ab.
RA hat sein r im flatternden Gaumensegel und einem Reiben in der Kehle, aber RA ist vor allem der Mittler zum LAUT, der selbst laut-los ist und durch eine statthalterische Konstruktion gekennzeichnet wird: Rho + r, ein fernes Grollen, das seit dem ersten Geräusch auf der Welt im HALL ist.

W E I S S
Natürlich ist das ein Trinitätsmodell. Auch das Gehirn ist ein Trinitätsmodell, wo eine Urblase durch dreifache Teilung in die Verborgenheit rückt. Wenn HUA RA DZA geübt wird, muß unbedingt verstanden werden, daß nur der LAUT geübt wird. Ähnlich wie OM ist HUA RA DZA eine Methode, im Hall des Anfangs und des Endes zu schwingen, oder wenn man so will, sich selbst in einen Code einzuspeisen und sich von diesem großen Code erfüllen zu lassen: die Erfüllung des Verschmelzens. Die beiden Gefässe.

   
 

M e d i u m
Sie leiden an einer Circumsessio. Das ist eine vom Teufel hervorgerufene Imitation einer Krankheit. Der Teufel, mit dem Sie sich eingelassen haben ist so dumm und unschöpferisch und unfruchtbar, daß er noch nicht einmal eine natürliche Krankheit schaffen kann. Wann haben Sie sich das erste Mal mit dem Teufel eingelassen?

Sonntag
Sagen Sie es mir bitte. Dann sage ich es Ihnen sofort. In einer mondlosen Nacht?


M o h n h e i m
Wir rufen den Dämon. Dämon! Wir öffnen ein Fenster und schieben Sonntag plus Medium in den Chor. Der Chor und Sonntag finden im HUA RA DZA den Namen des Dämon.

C h o r
Dämon! Dämon! Lügner zeige dich.

Der Chor übt, von Sonntag anfangs hörbar behindert und irritiert, weiter das HUA RA DZA. Langsam schwingt sich der Chor auf Sonntags Schreie, Flüche, Grunzen ein. Oder Sonntag springt in einem Stakkato des DZA auf den Urlautstrom auf. Das ist nicht mehr zu unterscheiden.

Neuer Gedanke
W e i s s
Sonntag hat gestanden, daß sein erstes Interesse an der Gräfin Hahn-Hahn sich an ihrem Namen entzündete. Seine Faszination ist ihm durch die Matrix dieses Namens entschlüpft und ins Rutenbündel geraten. Aus dem Rutenbündel sprang der Name auf den Sammler über und fachte die Possessio Freitags an. So entstand um den Namen Hahn ein Feld und in dem Feld materialisierte der Film.
Der Name Hahn ist ein Erweicher der Grenzlinie zwischen den beiden Quadraten, den Quadranten Space und Off-Space. In der neueren Literatur wird auch von "Off-Off-Space" (=Space) und HI-Off-off-Space (= Off-Space) gesprochen, was dieselbe Abständigkeit beschreibt.
Auch der Abstand des Apogäum vom Auge und des Visionärs von der Vision und sogar des Filmbetrachters von der Leinwand und selbst des Auges vom Gehirn, wahrt diese offensichtlich in den Bauplänen illusionärer Räume festgeschriebenen Abständigkeit.

   
 

M o h n h e i m
Der Laut HA-N schwingt zurück ins persische halka, alka und von dort -immer aus HUA gespeist- in alle arabischen und indogermanischen Sprachen.
Die persische Zoroaster-Religion verehrte den Hahn und den Hund als Hüter der Welt. Der Hund hütete Haus und Herden, der Hahn das Licht. Er vertrieb die bösen Dämonen, besonders die Dämonin des Schlafs, die gelbe, langhändige Bushyacta.
Der Hahn hielt Sonne, Licht und Feuer dämonenfrei; er sorgte für die Klarheit des Blicks auf Sonne, Licht und Feuer. Durch sein Wirken fielen keine Schatten in den Abstand zwischen Apogäum und Auge.
Er klärte am Morgen die gottgefälligen Illsuionsräume von Halluzinationsinfiltraten der Nacht und Illusionsinfiltraten, die im Schlaf vom Gehirn aus die Netzhaut von hinten zu ihrem Schirm gemacht hatten.
Von den Persern kam der Hahn zu den Griechen als Aléktor oder Alektryón. In diesen Worten wohnt wie im gotischen hana und im althochdeutschen hano der persische Antihypnotiker halka: ALK-HALK-HUA
Die genaue Herkunft der griechischen Hahn-Hahn::: Aléktor und Alektryón ist unbekannt, aber sie haben zahlreiche Verwandte im Griechischen, alte ehrwürdige Worte: Eléktor Hyperíon - die strahlend wandelnde Sonne, élektron - Bernstein, glänzendes Metall - Eléktra - die Göttin des wiederspiegelnden Wasserglanzes - Eléktryon - Sohn des Perseus - die elektrischen Inseln - das elektrische Tor in Theben: im Griechischen hatte das Wort am Glanz, an der Spiegelung, an der Ästhetik und am Wunder angedockt.
Aus dem Reiniger des Lichts war nicht ein Verunreiniger geworden, aber ein Licht-Spieler, ein Manipulateur des Lichts. Von dort aus, aus dem Griechischen, flog der Hahn-Hahn in den Film, dessen Finder, den bedauernswerten Sammler, wir heute behandeln müssen und später im Dunkelfeld nach Abklingen der Grenzerfahrung, die ihm jetzt aus dem Mutterkorn-Imitat zufließt, in der Reichenbachschen Odkammer leicht und schmerzlos von seiner Obsession befreien werden.

W e i s s
Vom Sammler sind allerdings noch Überraschungen zu erwarten. Obsessive fallen immer narkogen übergangslos halluzinierend in die Obsession.
Nach Pater Gassner ist die Obsession die häufigste und leichteste Krampfkrankheit. Sie wird durch Hexerei hervorgerufen. Hexerei ist eine aus urältester Zeit tradierte Faszinationstechnik. Die Hexe legt eine Pipeline in den Illusionsraum ihres Opfers, pumpt seine Illusionsengergie in ein Rutenbündel (=Besen) und reitet mit ihm in den HI-OFF-OFF-SPACE, wo sie es wie eine Droge in ihr Blut halluziniert und das Opfer anschließend ausgesaugt in sein Bett zurücklegt.

   
  

Kleine Geschichte der Hypnose.Teil 4 (Schluß)*

   
 

C h o r
Selig sind Eure Augen, daß sie sehen, und Eure Ohren, daß sie hören.

Selig sind Eure Augen, daß sie sehen, und Eure Ohren, daß sie hören.


M o h n h e i m
Wir vertiefen die Hypnose des Freitag. Augensuchmuster werden kontrolliert. Aber die Hoffnung sinkt. Die Ergebnisse sind nicht vielversprechend.
Der Sammler halluziniert gleichmäßig fünf weiße Bohnen auf einem Teller. Eine Fledermaus wird als echte Halluzination erlebt, aber sie ist instabil und verschwindet bei der leisesten Schwankung.
Sein Gefühl zu den Filmfragmenten ist ruhig und positiv, nur an den Rändern manchmal leicht gekräuselt von Beunruhigung. Außer der instabilen Fledermaus tauchen keine DZA-Elemente auf.
Auch die Reptilienfrage wurde gestellt und ohne Beunruhigung abschlägig beschieden.
Sonntags Circumsessio hat sich im DZA Laut gemacht. Aber alle Dämonennamen kommen aus der Reihe DZA. Er hat den Namen Hitlers im HUA lokalisiert, aber alle Lokalisierungen des Namens Hitlers liegen im HUA. Die Sonntagsche Verschlingung ins Mißlungene hat nichts mit Hitler zu tun. Nur mit Eitelkeit.

M e d i u m
Nach rechts oben schauen: visuell konstruierte Bilder tauchen auf. Links oben: visuell erinnerte Bilder tauchen auf, rechts unten: kinästhetische Reaktion normal. Links unten: auditiv interner Dialog flach. Keine besonderen Reaktionen. Starke Abstrahlung von Spiegelung. Posthypnotischer Befehl negativ oder unzugänglich. Verwaschenes Reframing tastbar.

W e i s s
Freitag wurde geweckt. Sofort hellwach. Rührend tapsig in seinem Schäferkostüm. Äußerst konstruktiv, kooperationswillig und aufmerksam. Katerstimmung bei dem Häuflein Genossen, die das Experiment noch verfolgt. Wir gehen in die Offensive.

C h o r
Der Name! Der Name! Wer den Namen nennt, nennt das Wesen.

   
 

M o h n h e i m
Steigern. Wir wenden uns der Namensfrage zu. Psycholinguistische Programmierungsversuche abbrechen. Sonntag und Freitag werden zur Gesprächstherapie gebracht. Keine Beeinflussung. Wir gehen ins Offene. Ganz offen: wann haben Sie zum ersten Mal eine Pipeline aus Ihrem behaglichen Illusionsraum in die Hitler-Halluzination gelegt?

M e d i u m
Wie kam Ihnen die Idee, Hitler könnte blind gewesen sein?

Freitag
Als ich zum ersten Mal von der Führerschreibmaschine las. Er hatte eine Schreibmaschine mit Buchstaben, die einen Zentimeter groß waren. Er hatte eine Brille, trug sie aber nie. Er äußerte, vor allem als es dem Ende zuging die Angst, er könnte erblinden.

Sonntag
Wie kann ein Blinder Angst haben, zu erblinden?

Freitag
Wie kann die blinde Maria-Theresia von Paradis Angst haben, der Anblick von Mesmers Nase könnte ihren Augen schaden?

Sonntag
Das gehört in mein Ressort.

Freitag
Quatsch Ihr Ressort. Wie immer Blindheit zustande kommt, am Ende ist es eben Blindheit. Schwarz? Bilder von innen? Meine Analyse der Hitlerschen Blindheit kann Sie doch nicht ganz unbeeindruckt gelassen haben?

M o h n h e i m
Nein, hat sie nicht. Gerade diese große Produktion von Schwärze hat uns aufmerksam gemacht. Wir sind davon ausgegangen, daß Freitag die Filmfragmente aus dem HI-Off-Off-Space materialisiert und ausgewürgt hat. Wir sind davon ausgegangen, daß wir Freitag dazu bringen könnten, sich zu verraten; das heißt, Hitlers aus der Vergangenheit heraufpulsierenden Geist dazu zu bringen, auf Freitags Körperoberfläche Bilder seines Wesens zu erzeugen. Wir hätten die Bilder durch passes in der Krise ausstreichen und Freitag heilen können. Wir hätten unserem Basilisken die Augenbinde abgenommen, ihm Hitlers Bilder auf der Körperoberfläche Freitags gezeigt und sie zerstrahlt. Wir hätten einen echten Hinweis auf das Wirken Hitlers gehabt. Wir hätten Fragmente seiner Visualisierung der Welt gehabt. Wir hätten aus dem allegorischen Fragment eine Gesamtallegorie rekonstruieren und durch das Fragment der Allegorie des Auges Einblick in seinen Urillusionsraum nehmen können. Wir hätten uns selbst, Mohnheim und Weiß und das ganze Neue Exegetische Kollektiv *NEK als Nukleus in diesem Illusionsraum Hitlers untersuchen können...aber wir haben noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir stellen die Namensfrage.

M e d i u m
Herr Freitag, glauben Sie, daß "Hitler" der wahre Name Hitlers war?

Freitag
Hört sich ganz so an, oder?

M e d i u m
Erinnern Sie sich an Ihre eigenen Überlegungen über Hitlers angebliche Syphilis. Warum sind Sie nie der Frage nachgegangen, daß es sich dabei auch - hypothetisch - um erbliche Syphilis gehandelt haben könnte?

M o h n h e i m
Blinzelfrequenz? Augensuchmuster? Das hat ihn für einen Moment aus der Bahn geworfen. Natürlich hat er daran gedacht. Er hat es verschwiegen. Warum?

W e i s s
Nicht umsonst und nicht ohne Grund ließ Himmler seine Kreaturen in Hitlers Ahnenreihe herumschnüffeln. Zäh hielt sich während des ganzen Dritten Reiches die Flüsterparole: Hitler hätte jüdisches Blut, ein wirklich ungeheuerlicher Gedanke.
Hitlers Großmutter väterlicherseits war ein "gefallenes Mädchen"; Hitlers Großvater väterlicherseits ist bis heute namenlos geblieben und es ist auch Himmlers Schnüfflern nicht gelungen, über ihn mehr als Vermutungen zusammenzutragen.
Hitlers wahrer Familien-Name ist also unbekannt. Sein Vater Alois begab sich in die Obhut des Namens Hitler. Er wurde im Alter von 39 Jahren vom Ehemann seiner Mutter adoptiert, und als eheliches Kind anerkannt, aber es besteht kein Zweifel, daß der Hitler, der seine Mutter, die Köchin Schickelgruber heiratete, nicht sein leiblicher Vater war.
Hitler ist die dialektal gefärbte Schreibung des Namens Hüttler, also Häusler. In "Mein Kampf" schreibt Hitler: "Mein Vater war der Sohn eines kleinen armen Häusslers." Aber das stimmt nicht. Sein Vater war der Sohn eines großen Unbekannten.
Hitlers Name ist also nichts als eine Hütte, ein Unterschlupf seines richtigen Namens oder klar gesagt: seines NAMENS.

   
 

C h o r
Haus, Haut, Häussler, Hüttler, Hoden HUA.

   
 

M o h n h e i m
Der angenommene Name hat Hitler in den Gefäßlaut geborgen und seinen wahren Namen unhörbar und unaussprechbar gemacht. Das ist die Crux jeder Beschäftigung mit ihm.
Solange wir seinen Namen nicht kennen, können wir ihn nicht rufen und solange wir ihn nicht rufen können, können wir die Infiltrate seines in der Vergangenheit pulsenden Geistes nicht fassen.
Wir haben kein Gefäß, in das wir Hitler umgießen könnten. Wir haben den Gefäßlaut! Immer den Gefäßlaut, auch in Hahn, aber nie seine Polarität.
Die ist wie abgeschnitten. In dem ganzen gigantischen Illusionsraum, den Hitler ausgebildet hat und der auch im *uerg noch längst nicht zerfallen ist, finden wir nur HUA. GEFÄSS. Räuspern, nie das scharfe spuckende DZA.
Hitlers Leichnam suchen wir ebenso vergeblich wie seinen Großvater. Beide sind verschwunden. Nach vorne und hinten ist Hitler offen wie die Markröhre der Chordatiere. Er rotiert. Sein Grimm beschleunigt ihn in die Unsichtbarkeit. Und keine Hilfe.
Dieser Freitag ist genauso verstockt wie die andern. Er macht sich sogar über unsere Bemühungen lustig. Und den wahren Namen Hitlers kennt er auch nicht. Wir rufen das Orchester wieder herein. Wir verfolgen den anderen Strang weiter. Wir gehen vorläufig zurück.

Freitag
Hitler war Hitler. Was zählt, ist die von mir gefundene Erweckungssequenz.
Warum wollen Sie so gerne glauben, daß ich etwas verberge? Reicht es denn nicht, wenn man zum Magnetberg sagt: Magnetberg, zieh mir die Nägel aus den Planken?
Die nächste wirklich große Epidemie wird eine Erkrankung unseres optischen Apparats sein. Von Amerika, dem großen Satan, ausgehend selbstverständlich.
Französische Wissenschaftler werden im Jahr Zwei der Krisis nach kurzer naturwissenschaftlich-medizinischer Konfusion auf Trümmer eines Virus in der retina tunica stoßen. Die westliche Medizin steht ja unverbrüchlich zu Viren. Am besten Viren mit Tarnkappen. Man wird also nach einem Impfstoff suchen und Mutmaßungen in Symposien dahingehend äußern, daß die Spätfolgen des Sydroms Blindheit sein werden. Was falsch sein wird, das sage ich Ihnen.

   
 

Die Musiker des Orchesters nehmen wieder ihre Plätze im Licht ein.
Der Chor zieht sich zurück. Sonntag wird im Fechnerschen Goldenen-Masken-Raum dunkelfeldtherapeutisch behandelt, Freitag verschwindet grinsend in der Reichenbachschen Odkammer.
Das echte 45er Schwarz fällt massenhaft in den Projektor.
Synchronklappen,
Schwarzbildfragment,
Synchronklappen,
Schwarzbildfragment.
Stillstand im Raum.
Wiederholte Routinen.
Leise beginnt das Orchester.......

M e d i u m
Vielen Dank. Wir fühlen uns nun rundum informiert über die künftige Entwicklung.

   
 

M e d i u m
Visionskontrolle. Visionskontrolle. Der Sammler visioniert fünf weiße Bohnen auf einem Teller, sehr klar jetzt. Der Teller steht auf einem Strand, im Sand.
Nein, wohl kein Sand. Auf einer grauen Fläche. Dahinter das Meer. Menschen baden.
Nein eher: Menschen gehen auf dem Meer umher. Sie sind sehr weit weg. Düstere Athmosphäre. Seltsames Licht. Eine Frau. Ein Ast. Ein Schirm. Sehr farbig.
Die Fledermaus setzt sich auf den Tellerrand. Ihre Flügel sind halb ausgebreitet. Eine Muschel mit spitzem Schalenende richtet sich gegen sie auf.
Es zerfällt wieder. Sammler unruhig. Instabil. Nachdosieren?

   
 

Sammler:
Die Allegorie ist das Bild einer Idee. Goethe sagt, die Allegorie entsteht, "wenn man zum Allgemeinen das Besondere sucht".
Das Besondere erscheint dann "nur als Beispiel, als Exemplar des Allgemeinen."
Das sagt Goethe. Aber egal, was Goethe sagt.
Mein Film ist eine Allegorie des Auges. Schlicht das Bild einer Idee, von irgendwoher. Eine Frau mit verbundenen Augen und Waage und Schwert in den Händen, ist das Bild der Idee der Gerechtigkeit.
Nehmen wir an, ein japanischer Archäologe findet in dreitausend Jahren ein steinernes Schwert mit einer Hand dran in der Unteren Kreide von Oberhausen. Er weiß aus seinem Studium, daß alle Fragmente, die ihm in der berühmten unteren Oberhausener Kreide begegnen werden, Teile allegorischer Darstellungen sind.
Nun beginnt er, das Vorkommen von Schwertern in allegorischen Darstellungen zu untersuchen und kommt auf eine Summe von 50 möglichen Fällen, wo Schwerter als Elemente eines allegorischen Systems dienten.
Er weiß aber nicht, was "Gerechtigkeit" bedeutet. Das Allegmeine ist weggebrochen. Was wird er tun? Alles weggebrochen. Nur das Schwert und die Hand noch da.
Für diesen japanischen Archäologen zeigt sich das Problem der Allegorie in seiner ganzen Wucht. Ich sehe nichts mehr. Sogar die Bohnen sind verschwunden. Kann ich jetzt aufstehen? Könnte ich mir noch eine halbe Stunde die Synchronklappen ansehen. Dann habe ich es. Es liegt mir auf der Zunge. Doch, eine. Eine Bohne sehe ich noch. Aber wenn die weg ist, dann stehe ich auf. Dann stehe ich auf wie ein Mann.

   
 

M o h n h e i m
Wir gehen zurück in die Trias. Das erste Säugetier erscheint und kommt 160 Millionen Jahre nicht aus den Startlöchern: den Tag beherrschen Nische um Nische unbezwingbar die Drachen.
Die Nische, aus der unsere Art stammt, ist die Finsternis, nicht das Licht.
Unser Urahn hauste im Schatten des Drachen. Er besiedelte die Nacht und benötigte ein Auge, das die Nuancen der Schatten, die schwachen Aufhellungen des Dunkels nicht nur auffangen, sondern auch interpretieren konnte.
Der Verdammte, der in der Nacht des Reptils umgehen mußte, weil nirgends sonst Platz war, brauchte zum Auge auch das Gehirn. Während sein Feind, "der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel" (Offb. 12,) seine unangefochtenen Anblicke im Licht des Tages leicht auf seiner Netzhaut ordnete, ohne besonders oft sein Gehirn als Übermittler bemühen zu müssen und mit dem auskam, was auf seiner Netzhaut erschien, arbeitete sich der Säuger immer tiefer in seinen Schädel hinein und wölbte und zerrte ihn, bis ein sehr tiefer Schacht entstanden war.
Und als der Schacht am tiefsten war, zeigte sich auf seinem Grund der Mensch.
Sein eigentliches Sehen sieht das Licht nicht mehr, so tief ist es ins Gehirn versenkt. Dort tüftelt er seine Sicht der Dinge aus. In dieser durch die Äonen wuchernden Black Box wuchs sein Sehen heran. Und dort tüfteln wir, nun selbst Weltherren und Helden des Tages, noch immer.

W e i s s
Da werden wir auch weitertüfteln müssen. Aber wir sollten vielleicht die nächste Schnittstelle besprechen. Es gibt doch weiß Gott genügend Schnittstellen. Wir haben schon hundert Anläufe gemacht, seinen Namen aus dem Gefäß zu gießen. Machen wir eben noch einen. Und noch einen. Diese Angelegenheit fand ich von Anfang an nicht sehr vielversprechend. Da waren zu viele Leute mit eigenen Matrix-Ideen versammelt. Solche Störfelder sind nicht zu beherrschen.


Die Musik des Orchesters steigert sich, wird lauter.
Die drei Filmbüchsen werden von einer lustlosen Hilfskraft achtlos verpackt.
Freitag kommt mit bleichem Gesicht aus der Reichenbachschen Od-Kammer, während der Sammler gerade in einem Reichschen Orgon-Akkumulator verschwindet.
Die Projektoren, Leuchtkästen und Videomonitore werden ausgeschaltet, Kabel zusammengerollt Geräte weggepackt.
Alle Lichter werden gelöscht, die Scheinwerfer abgestellt. Halbdunkel.
Nur die Schreibtischlampe leuchtet.
Ihr Licht konzentriert sich auf ein aufgeschlagenes Buch mit der Abbildung eines Gemäldes von Salvatore Dali.

M o h n h e i m
Wir bleiben bei der Allegorie. Wir nehmen den Faden da wieder auf, wo wir gestern unterbrechen mußten. Wir nehmen den Mann aus Hamburg, der macht so was exakt nach.

W e i s s
Aber es ist schwierig. Wir müssen unsere alten Kontakte zum Kunsthandel pflegen!
Man darf das nicht schleifen lassen. Plötzlich braucht mans.

M o h n h e i m
Manchmal hat man den Eindruck, es gäbe nur ein Gefäß. Dann wird man mutlos.

W e i s s
Es gibt immer zwei Gefäße. Immer, Mohnheim.

M o h n h e i m
Salvatore Dalis Gemälde "Das Geheimnis Hitlers" von 1937 wird von zwei Elementen beherrscht: Einem Suppenteller und einem Telefonhörer.

Der Teller füllt die untere Bildhälfte. Er wirkt riesig. Er steht auf einer Ebene, an die sich ein Strand und weiter hinten das offene Meer anschließen.

Die linke Hälfte öffnet sich zum Horizont, dem sich hinter Wolken die untergehende Sonne nähert, in die rechte ragen Felsen dem Strand gegenüber bis in die Bildmitte, vom Meer wird so ein Stück Bucht abgetrennt.
Unterhalb der untergehenden Sonne scheint am Strand eine Gruppe von Leuten zu baden. Beim genaueren Hinsehen entsteht der Eindruck, sie liefen auf dem Wasser.
Auf dem Grad, der die Ebene des Vordergrundes von der des Strandes dahinter zu trennen scheint, sitzt links unter einem aufgespannten, auf der Seite liegenden Sonnenschirm ein Hund.
Von der Mitte des linken Randes ragt ein Ast quer durch die obere Bildhälfte.
Er ist tot. An dem letzten übrig gebliebenen Zweig hängt klein, den Kopf nach unten eine Fledermaus.
Der schwarze Telefonhörer ist in den Ast eingehängt, halb aufliegend, die eine Hälfte in einer Gabelung. Er entspricht mit seiner Größe der des Suppentellers darunter. Seine Hörmuschel links ist wie von Säure oder Feuer halb weggefressen.
Ein kurzes Stück Kabel hängt herunter und endet kurz über dem Teller. Aus der Sprechmuschel rechts fließt ein großer transparenter Tropfen und droht auf den Teller zu fallen.
Unterhalb des Tropfens zerrt vom Tellerand aus, mit aufgespannten Flügeln, eine zweite, in Relation zum Teller, winzige Fledermaus an einer zähen Auster oder Muschel.
Darunter, unter dem Tellerand liegt die Hälfte einer Austernschale. Auf dem Grund des Suppentellers liegen fünf weisse Bohnen. Dazwischen, leicht in der Wölbung des Tellers dem Betrachter zugewandt, so groß wie eine Briefmarke, fast quadratisch und wie aus einem Zeitungsfoto herausgerissen, ein Stückchen Papier mit Kopf und Schultern Hitlers.
Am Ast, neben dem Telefonhörer hängt ein geschlossener Regenschirm und schließt so den rechten Bildrand ab. Von ihm halb verdeckt tritt aus dem Hintergrund eine Frauengestalt auf den Teller zu. In ihrer ausgestreckten rechten Hand hält sie ein blutiges Stück Stoff.

   
 

Das Medium knipst die Schreibtischlampe aus. Während sie davongeht und ihre Stimme mit leichtem Flügelschlag den HI-Zwei-Off-Space ansteuert, eine sehr leise, kleine, dünner werdende Stimme:


M e d i u m
Seit Wochen bleiben bei uns die malaiischen Leuchtkäfer liegen.
Zwei Tage lang sind sie das Größte, dann können sie leuchten, soviel sie wollen.
Männliche malaiische Leuchtkäfer sind solche reizenden idealen Gesamtkavaliere.
Zur Paarungszeit synchronisieren sie ihren Leuchtcode zur Anlockung der Weibchen.
Tausende und Abertausende von Leuchtkäfern versammeln sich in einem Baum.
Jeder blendet in seinem eigenen Rhythmus auf und ab. Nach kurzer Zeit aber und nach unbekannter Methode einigen sich all diese tausend Käfer auf ein einziges Signal und strahlen es alle zusammen ab.
Das sieht sehr schön aus. Das sieht aus wie ein pulsierender Sternenhimmel.
Nur auf dieses Blinkfeuer der ganzen Spezies antworten die Weibchen und fliegen ein ins Leuchtlicht der Vermehrung.
Das ist Faszination.

 E N D E
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Kleine Schule der Hypnose. Teil 3.
Seit 1770 praktiziert der Landpfarrer Joseph Gassner eine exorzistische Therapie.
Er unterscheidet natürliche (vom Arzt zu behandelnde) und übernatürliche Krankheiten, die er in drei Kategorien unterteilt: CIRCUMSESSIO (die vom Teufel hervorgerufene Imitation einer natürlichen Krankheit), OBSESSIO (die Wirkung von Hexerei), POSSESSIO (echte Teufelsbesessenheit).
In einem anamneseartigen EXORCISMUS PROBATIVUS beschwört Gassner den Dämon der Kranken. Er hat fast ausschließlich Patientinnen: Frauen, meist Klosterfrauen, die unter so schweren Krampfanfällen leiden, daß sie für ihre Klöster nicht mehr tragbar sind. Es handelt sich also um sehr schwere Krankheitszustände, die Gassner behandelt. Zeigen sich bei der Anamnese die Symptome der Krankheit, also Krämpfe, wenn Gassner sie ruft, wird der Termin für den endgültigen Exorzismus festgelegt.
Im zeremoniellen Gewand bringt Gassner den Dämon durch Aussprechen der tradierten Formeln der Katholischen Kirche in seine Gewalt und befiehlt ihm, Krämpfe hervorzurufen, sich in Krämpfen zu zeigen: die Elemente seines Bildes, in denen auch das Bild der Krankheit steckt, auf die Körperoberfläche der Kranken zu malen. Gassner befiehlt: Arm, Bein, Bauch, Gesicht, und der Dämon ist gezwungen an der angegebenen Stelle sein Bild zu geben. Krampf Arm. Krampf Bein. Krampf Bauch. Krampf Gesicht.
Wenn er eine Weile mit den speziellen Eigenschaften des Dämons geübt hat, ruft Gassner ihn noch weiter an die Körperoberfläche und befiehlt ihm "Bilder" auf dem Gesicht zu erzeugen. Gassners Behandlungen haben meist ein zahlreiches Publikum, das nun wie bei einer Kinovorführung die vom Dämon hervorgerufene Mimik der Trauer, der Albernheit, der Gewissenszweifel, Wut oder "das Bild des Todes" betrachten kann. Das ist gruselig.
Nachdem Gassner genug mit dem Dämon gespielt, ihn in allegorische Bilder zerlegt hat, treibt er ihn durch die Nennung des Namens Jesu aus. Die Kranken sind geheilt.

Zur selben Zeit beginnt in Wien der Arzt Franz Anton Mesmer* seine magnetischen Kuren. Wie Gassner - und von ihm angeregt - ruft er in seinen Patientinnen Krisen hervor. Dazu benutzt er anfangs Magnete und Ausstreichungen, später - von Wien nach Paris emigriert - erfindet er das Baquet, ein mit Eisenfeilspäne gefülltes Faß, aus dem Griffe ragen.
Eine rasch anschwellende Zahl von Damen der Pariser Gesellschaft, allesamt an der damaligen Kranheit der feinen Leute, vapeurs, Ohnmachten, leidend, nimmt über die Griffe, die aus dem baquet ragen, Fluidum auf, erreicht gemeinsam mit anderen in einem mondänen Rahmen den Berich der Krise, fällt in Trance, wird von einem Diener in einen Salon getragen, wo Mesmer durch magnetische Passes die Krise gestaltet.
Fluidum ist ein von Mesmer entdecktes universales energetisches Prinzip, ein General-Medium, dessen Wirkungen vom Magnetiseur, einem starken Akkumulator von Fluidum, manipuliert werden kann.
Wie bei Gassner beginnt das allegorische Spiel der Symptome auf der Körperoberfläche. Die Krise zeigt sich. Durch Manipulation fluidaler Schwankungen und Störungen wird sie hervorgerufen, dargestellt und behandelt wie ein vom Dämon hervorgerufener Krampf.
Die prärevolutionäre französische Gesellschaft beginnt zügig aus dem Bereich herauszurücken, wo Dämon und menschliche Seele in unzweifelhaft engem Kontakt standen. In diese Vakuum drängte Fluidum nach.
Als begeisternd-entgeisternde, vor dem Eindringen von Geistern aber geschützte Macht, war Fluidum nur einer der zahlreichen Namen, die seither im säkularisierten Kontinuum der Existenz und ihrer Verseelung mit der Energie schwirren.

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Kleine Schule der Hypnose Teil 4 (Schluß)


Hypnos heißt Schlaf. Hypnose heißt etwas wie Schlafung. Den Begriff prägte der Augenchirurg James Braid 1843 für einen Zustand, der seit dem Wirken Franz Anton Mesmers im Paris vor der französischen Revolution, als Somnambulismus bekannt war.
Die Methode zur künstlichen Herbeiführung dieses tranceartigen, beeinflußbaren, aber mit einem starken Eigenwillen ausgestatteten Zustands, hieß zu der Zeit, als Braid den neuen Begriff der Hypnose einführte, noch Magnetismus und hatte seit den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts kontinuierlich an Ansehen in den Wissenschaften und in der Medizin verloren.
Als Braid den Bühnen-Magnetiseur Lafontaine - einen Enkel des Fabeldichters - bei einer Schlafungs-Show erlebte, war Magnetisieren einerseits zu einem Teil der Freizeitgestaltung der damaligen Gesellschaft geworden, andererseits bereits wieder eng mit der Geisterwelt in Fühlung gegangen.
Verwandte der Geister, die Dämonen, hatten ja den Stein "Therapie" ins Rollen gebracht. Beide Umstände leiten zum Phänomen des Mediums hin, in seiner zweifachen Bedeutung.
1813-1819, lange vor Braid, noch zu Lebzeiten Mesmers, lange vor der Prägung des Begriffs Hypnose für den Magnetismus, tauchte in Paris ein portugiesischer Priester namens Abbé Faria auf, der behauptete, er sei ein indischer Bhramane und könne durch seinen Blick den somnambulen Schlaf erzeugen.
Den Magnetismus des alten Mesmer nannte er Konzentration, den Hypnotiseur Konzentrator und den Somnambulen Konzentrierten.
Er ließ seine Klienten in bequemen Stühlen Platz nehmen. Er zeigte ihnen seine Handflächen. Befahl ihnen, die Handflächen zu betrachten. Fixierte sie mit furchterregendem Svengali-Blick und befahl mit scharfer Stimme: "Dormez!"
Aber trotzdem oder gerade weil er solche Macht über den Vorgang der Konzentration hatte, bezweifelte er ein mesmersches Dogma: daß die Macht von den Konzentratoren ausgehe.
Abbé Faria behauptete, es sei gerade umgekehrt: die Konzentrierten erschafften in der Konzentration den Konzentrator und umgekehrt. In der Konzentration, sagte Faria, springen die Rollen.
Diese Idee blieb am Wegesrand der Geschichte liegen. Auch Braids Entdeckung zwanzig Jahre später an den Bühnen-Hypnotisierten Lafontaines, bezog sich nicht auf die Machtverhältnisse in der Hypnose, sondern auf eine auffällige Erscheinung bei den Magnetisierten-Konzentrierten-Hypnotisierten: kurz bevor sie in Trance fielen, flatterten ihre Augenlider wie bei großer Müdigkeit und ihre Augäpfel rollten nach oben. Schlaf.
Seine Beobachtung übersetzte Braid in "Schlaf". Der frühere Magnetismus übersetzte den Zustand der Trance in "Traum". Aber der Schlaf gebiert Monster und Wunder.
Braid öffnete einen Weg in die Tiefe über der Realität, der bis heute weiterbeschritten wird, während Farias Entdeckung nur darauf wartet, abgeholt und gesundgepflegt zu werden: Beeinflussung findet statt in einem gegenseitigen Prozeß der Spiegelung. Konzentration ist Faszination.
Die Konzentration hütet das Rutenbündel.

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Kleine Einführung in Techniken der Selbstblendung
Selbstblendungen sind nicht seltener als Selbstmorde oder die vielfältigen Möglichkeiten, sich anderweitig selbst zu verstümmeln. Wenn man Verkennungen, Täuschungen, Mißachtungen, Black outs, Wegsehen, rosarote Brille, Schwarzsehen und andere Arten der Beeinflussung der eigenen Wahrnehmung als Teile des Formenkreises der Selbstblendung begreift, sind sie sogar relativ häufig. Es ist kaum zu übersehen (es sei denn durch den Einsatz einer der vielen Techniken der Selbstblendung), daß unser privates und soziales Leben durchsetzt ist von strukturellen Erblindungsakten.
Der Anteil der Selbstblender unter den Blinden ist vermutlich hoch, aber selbstverständlich statistisch nicht zu bestimmen. Daß viele Blinde ihren Zustand als angenehm, ruhig, behaglich empfinden, läßt sich in der einschlägigen Literatur leicht nachweisen. Über Wesen und Art dieses Behagens können Sehende nur fröstelnde Vermutungen anstellen.1775 in Wien. Maria-Theresia von Paradis, Patenkind der Kaiserin Maria Theresia, begibt sich in die Behandlung des damaligen Wiener Modearztes Franz Anton Mesmer. Die Tochter eines hohen Staatsbeamten war als Dreijährige erblindet und hatte in einer Zeit, wo gelehrige Blinde en vouge waren, eine glanzvolle Karriere als Pianistin gemacht.
Mesmer arbeitete damals mit Magneten, die in Verbindung mit einem vorher eingenommenen Eisenpräparat, ein "künstliches Hochwasser" in seinen Patienten erzeugen sollten und eine Krise auslösten, deren von Sitzung zu Sitzung schwächer werdendes Auftreten schließlich zur Heilung führte. Die Krise war gleichbedeutend mit dem Erscheinen der Krankheit selbst. Die Krankheit nützte sich sozusagen ab, indem sie erschien; ans Licht gezwungen, verblaßte sie und verschwand. Der Asthmatiker bekam im künstlichen Hochwasser einen Asthma-, der Epileptiker einen epileptischen Anfall - und der Blinde?
Nach einigen Sitzungen und Krisen erklärte Maria-Theresia, nun könne sie wieder sehen. Ihre erste optische Wahrnehmung war die Nase Dr. Mesmers; sie erschrak über dieses merkwürdig geformte Organ und brachte die Befürchtung zum Ausdruck, dieser Anblick könne vielleicht ihren Augen schaden. Das bizarre, harte Sehbild erschien ihr als materielle Verletzungs-Drohung.
Auf Druck der Wiener Ärzteschaft, die es auf Mesmer abgesehen hatte (und ihn bald darauf nach Paris vertrieb, wo seine eigentliche Karriere begann), dementierte Maria-Theresia mitten in der Behandlung, daß sie Mesmers Nase gesehen hatte, sank zurück in musikalisches Dunkel und setzte ihre Karriere als Salon-Blinde fort.
Wenn sich wirklich, wie Mesmer behauptete, in der Krise gerade im magnetisch hervorgerufenen Symptom der Krankheit die Krankheit selbst zeigte und heilte, dann hatte sich im Fall Maria-Theresia Paradis nichts anderes als die Krankheit "Sehen" gezeigt, mit schlagendem Erfolg, denn sie blieb blind. Mesmers Hochwasser hatte nur aus ihr herausgeschwemmt, was sie aus unbekannten Gründen in ihrer Kindheit in ihrem Inneren versenkt hatte: Bilder, weiche kühle Bilder.

Kühler wird es, wo ich wohne,
Dämmeriger nah und fern,
Aus der Himmelsstrahlenkrone
Fehlt schon mancher schöne Stern.
Tiefer fußen Tal und Grüfte,
Zauberhafter rauscht der Hain,

Und mir süßerem Gedüfte
Schließt sein volles Laub mich ein.
Magst du, bunte Welt verblassen!
Aus dem feurigen Gewühl
Kehr ich schaudernd und gelassen
In mein innerstes Gefühl.

Was "Die Erblindende" von 1860 schon sicher als Abkehr vom "feurigen Gewühl" der Außenbilder formuliert, schwankte in den "Orientalischen Reisebriefen" der Gräfin Hahn-Hahn anderthalb Jahrzehnte früher noch zwischen Innen und Außen, versuchte zu focussieren und zurückzudrängen, was sich mit Macht ankündigte: das Ende der "bunten Welt." Sie schreibt : "O diese Sehnsucht nach Licht, sie zieht mich in den fernen Orient, sie führt mich über Meere und Berge, sie drängt mich dahin, wo jemals Wundertaten und Wunderwerke niedergelegt sind. Ich werde das nie finden, was ich suche, nie die Unmittelbarkeit zwischen
dem schwachen Lichtfunken in mir und dem großen Lichtstrom außer mir finden! Nur in Symbolen, in Formen, in Bildern - nur mittelbar wird es sich mir mehr oder weniger kundtun!"
Selbstblendung ist die Methode, den "schwachen Lichtfunken in mir" anzublasen. "Symbole, Formen, Bilder", von Ida Hahn-Hahn noch als Substrate der unmöglichen "Unmittelbarkeit" von Innen und Außen gedacht, macht ein anderer Selbstblender fast zur gleichen Zeit zum Inhalt seines Lebens und Werks.
1843 in Frankreich. Während einer Versuchsreihe zur physiologischen Optik starrt der begabte junge Physiker J.A.F. Plateau so lange mit weit geöffneten Augen in die Sonne, bis er blind ist. Um die Mittagszeit dauert das etwa 25 Sekunden.1873 veröffentlicht Plateau die Ergebnisse einer dreißigjährigen Tätigkeit als blinder Forscher. Er hatte Drahtschleifen geformt, Seifen-Häutchen in sie eingespannt und nachgewiesen, daß auch die komplizierteste geometrische Form ein Seifenblasenhäutchen halten kann. Weiter nichts.
Für die Mathematik war diese Entdeckung eine Herausforderung. Das "Plateausche Problem" beschäftigt bis heute die Disziplin der Topologie, die sich mit Schrumpfung, Stauchung, Dehnung, Klappung und Zerrung von Formen befaßt. Formen transmutiert sie in Formen, die man ebenso wenig in ihnen vermutet hätte, wie im leeren Zylinder des Zauberers das Kaninchen.     Plateaus Entdeckung der "Minimalfläche" in jeder noch so bizarr geformten Drahtschleife, stammte aus einem Gehirn, das von seinem Besitzer entsprechend präpariert worden war. Plateau wollte offenbar lieber ein topologisches Laboratorium in seinem Kopf als eine Spielwiese unordentlicher Anblicke; daß er sich als Blinder später an der Diskussion um das "psychophysische Gesetz" Gustav Theodor Fechners beteiligte, macht seinen Fall noch interessanter. Was auf den ersten Blick wie ein Gelehrtenstreit um die Mathematisierbarkeit der Beziehungen zwischen der physikalischen und der geistigen Welt aussieht, ist in Wahrheit Ausdruck eines erbitterten Kampfes um das innere Sehen, der im19. Jahrhundert mit großer Entschiedenheit, Härte und Selbstaufopferung geführt wurde.
Gustav Theodor Fechner, der Begründer der modernen Experimentalpsychologie, hatte kurz vor Plateau und unabhängig von ihm als Physikprofessor in Leipzig Experimente an sich selbst über subjektive optische Phänomene durchgeführt. Auch er schädigte seine Netzhaut durch direktes Ansehen der Sonne. 1840 erlitt er einen Zusammenbruch. Seine Krise begann. Er lebte drei Jahre in einem verdunkelten, schwarz gestrichenen Zimmer, das er nur selten und nur geschützt durch eine goldene Maske verließ. Als Plateau sich 1843 in sein Minimalflächen-Laboratorium zurückzog, verließ Fechner gerade zum ersten Mal seine Dunkelkammer, trat in den Garten hinaus, war überwältigt von der Schönheit der Blumen, schrieb wie im Rausch das erste Werk überhaupt zur Pflanzenpsychologie ("Nanna, oder über das Seelenleben der Pflanzen") und war fortan ein Ausbund an Gesundheit und Lebensfreude.
Als Plateau und Fechner fast dreißig Jahre später über die mathematische Formel zur Bestimmung der Reizschwelle, also der Schnittstelle zwischen physikalischer und geistiger Welt, aneinandergerieten, trafen deshalb zwei Veteranen der Selbstblendung der vierziger Jahre aufeinander: ein hart gebliebener und ein weich gewordener, einer der den schwachen inneren Lichtfunken angefacht hatte und einer der geläutert auf dem äußeren Lichtstrom ritt.
 

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Kleine Schule der Hypnose. Teil 1

Das erste Buch über Erkrankungen der deutschen Seele infolge des Mauerbaus
("Die Mauerkrankheit", 1982) stammt aus der Feder des Direktors der Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik in Leipzig, Müller-Hegemann.
Das Buch erschien nach der Emigration Müller-Hegemanns in den Westen. Neben Kleinsorge und Klumbies in Jena und Katzenstein in Berlin, gehörte Müller-Hegemann zu den bedeutendsten Förderern der Hypnose-Forschung in der DDR.
Wohl nicht zufällig wandten sich Psychotherapie und Psychiatrie unmittelbar nach dem Mauerbau verstärkt der Erforschung und Modifizierung von zum Teil seit Mitte des letzten Jahrhunderts bekannten suggestiven Verfahren zu.
Bereits 1962 veranstaltete die DDR auf Initiative Müller-Hegemanns in Leipzig ihren ersten Hypnosekongress. Das war der Startschuß. Unmittelbar nach dem Kongress wurde von den Zentren Jena und Leipzig aus eine massive Kampagne zur Etablierung hypnotischer Techniken in der Allgemeinmedizin gestartet.
Tausende von praktischen Ärzten lernten in Fortbildungskursen die Anfangsgründe der suggestiven Therapie. Sie wurden in die Lage versetzt, posthypnotische Befehle zu erteilen: "Ablationen" nach dem Klumbiesschen Verfahren durchzuführen.
Im Ablationsverfahren versenkt der Therapeut in seinem Klienten eine Art von "suggestivem Depot", auf dessen heilkräftige Wirkung der Kranke immer dann zurückgreifen kann, wenn sich sein Symptom zeigt: Schlaf- oder sexuelle Störungen, Neurosen, Schmerzen, Angstzustände etc.
Der posthypnotische Befehl hüllt dann das Symptom ein, transportiert es auf Schleichwegen des Unbewußten ab und wirft es in ein Seelenverließ.
Anfang der siebziger Jahre konnte die Operation "Puységur" anlaufen, in deren Verlauf ein großer Teil der erwachsenen Bevölkerung hypnotisiert wurde.
Allein im Zentrum Jena wurden in dreißig Jahren 160 000 Einzelhypnosen durchgeführt, die Zahl der landesweit durchgeführten Hypnosen wird auf sechs Millionen geschätzt. Hypnosetechnik wurde zu einem Exportartikel der DDR-Wissenschaft. Sowjetischen Kosmonauten, die Matrosen der sowjetischen Fischereiflotte und andere Berufsgruppen in extremen Situationen wurden nach Klumbiesschen suggestiven Verfahren auf ihre Aufgaben vorbereitet.
Ebenso die Spitzensportler der DDR. Aber das waren nur Nebenprodukte. Die Operation "Puységur" zielte auf die posthypnotische Konditionierung des gesamten Volkes.
Wie kam es dazu?

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Kleine Schule der Hypnose. Teil 2.

Die Operation "Puységur" zur flächendeckenden DDR-Hypnose wurde durch eine Studie ausgelöst, die kurz vor dem Bau der Mauer, 1960, entstanden war und einen schrecklichen Verdacht äußerte: daß aus der Zeit des Dritten Reiches eine posthypnotische Programmierung sowohl nach Ost- wie nach Westdeutschland hineinragte.
Es ist unbekannt, ob in der Studie der Inhalt dieses Befehls und der Code seiner Auslösung entschlüsselt wurden. Auftraggeber und Verfasser der Studie sind ebenfalls unbekannt. Unbekannt ist zum dritten, ob die Studie überhaupt existiert.

Nie wurde die Studie " Über Bewußtseinsschatten. Psycholinguistisches Programmieren im Faschismus, Hereinragen seiner Codes in die Nachkriegswirklichkeit" offiziell erwähnt oder auch nur auszugsweise publiziert.
Unter Eingeweihten kursierten als Verfasser der Studie hinter vorgehaltener Hand die Organisation "Neues Exegetisches Kollektiv" unter Leitung Mohnheims. Auch der Eingeweihteste konnte sich im Traum nicht vorstellen, was ein Neue Exegetisches Kollektiv sein oder womit es sich vielleicht befassen könnte.
Das Unbekannte wird immer mit einem Namen des Geheimen bezeichnet. Stasi. Oder sogar: Gestapo. Werwolf! Man verspannt das Geheime im Vorstellen, indem man es nach der Tätowierung mit einem bekannten Geheimnamen wieder bei seinem eigenen Namen nennt.
Unter Leuten, die beurteilen konnten, mit welcher Energie die Hypnose-Operation "Puységur" durchgezogen wurde, klang "Neues Exegetisches Kollektiv" wie ein Begriff aus der Überwelt.
Der Name Mohnheim hatte immerhin einen Repräsentanten. In den frühen 50er Jahren hatte ein Rupert Mohnheim als Psychiater und Neurologe in Jena praktiziert. 1955 war er verschwunden, wobei als besonders verdächtig betrachtet wurde, das seine Praxis in Jena nach wie vor existierte. Am Tor einer heruntergekommenen Villa aus den Gründerjahren hängt auch heute noch das Messingschild mit seinem Namen. Rupert Mohnheim, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Dunkelfeldtherapie." 

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GEORGE SAND AUF DEN LIPPEN, HAHN-HAHN IN DER TASCHE
(von Julius Sonntag)

Ida Marie Luise Gustave Gräfin von Hahn-Hahn wird am 22.6.1805 in Tressow (Mecklenburg) als erste Tochter der Gräfin Sophie (geborene von Behr) und des Grafen Karl von Hahn geboren.
1809 wird die Ehe der Eltern geschieden, Karl von Hahn wird entmündigt. Familienehre und -vermögen der alten mecklenburgischen Adelsfamilien haben durch die manische Theaterleidenschaft des Grafen schweren Schaden genommen.
Die Mutter zieht mit ihren vier Kindern nach Rostock, dann nach Neubrandenburg und schließlich nach Greifswald, wo Ida zur Schule geht und 1826 ihren Vetter, den Grafen Friedrich von Hahn-Basedow heiratet.
1829 wird die Ehe aufgelöst. Sie nimmt ihren Mädchennamen wieder an. Ihre taubstumme und geistig behinderte Tochter Antonie wird geboren.
Nach einigen Gedichtbänden veröffentlicht sie 1838 mit "Ida Schönholm" ihren ersten Roman, der ein beispielloser Erfolg wird. Eine ganze Generation junger Frauen erkennt sich in Ida-Ida wieder, die von sich sagt: "Meine Seele ist von der Art, daß sie gewinnt, wenn die Schleier fallen. Ich stelle mich nicht zu hoch, ich weiß sehr wohl, daß es Millionen schönere Weiber gibt, tausend klügere, einige bessere, allein was Herz und Phantasie betrifft, so suche ich wieder unter Millionen meinesgleichen."

1839 schreibt sie ihren zweiten, ebenso erfolgreichen Roman und absolviert die obligatorische Italienreise. Dann bereist sie ganz Europa. Schließlich den Orient, das höchste der Gefühle! Eine deutsche Adlige unter Muselmanen! Eine emanzipierte junge Frau nächtigt im Zelt der Beduinen! Die Berichte über ihre Reisen sind Bestseller. Fürst Pückler macht ihr den Hof. "Humbold erweist ihr die größte Aufmerksamkeit". Sie ist prominent.

"Berlin ist groß und wimmelt zu allen Zeiten von Literaturfreunden beiderlei Geschlechts; dilettierende Lieutenants, sentimentale Jungfrauen im Schiller-Stadium und emanzipationssüchtige mit George Sand auf den Lippen und der Hahn-Hahn in der Tasche", schreibt der junge Theodor Fontane.
Ihre Eitelkeit ist ein vielbesprochenes Thema, ebenso ihre Bescheidenheit, ihre Schönheit wie ihre Häßlichkeit, ihre Libertinage wie ihre Prüderie, ihre angebliche Liebe zu Frauen, zu Beduinen, zu Demokraten, zu Reaktionären - die Gräfin irrisiert.
Nun ist sie sehr prominent.

1840 kommt die Wende. Im Verlauf einer tragischen Liebesgeschichte unterzieht sie sich einer Augenoperation. Plötzlich fühlt sie sich durch einen bis dahin als "charmant" empfundenen leichten Silberblick entstellt- und verliert das linke Auge. Ihre Reisetätigkeit nimmt manische Züge an: "Es treibt mich hinaus. Flucht! Flucht!" Wieder fährt sie in den Orient, für ein ganzes Jahr diesmal. Smyrna, Beirut, Damaskus, Jerusalem. Sie bleibt einige Monate in Ägypten.
1844 erscheinen die vierbändigen "Orientalischen Reisebriefe". Neue Reisen, in den Norden, nach Irland, nach Sizilien und Spanien. Gehetzt durcheilt sie Europa - und kapituliert 1850. Die Flucht ist mißlungen. Die Gräfin aus altem protestantischem Adel bittet darum, in die Katholische Kirche aufgenommen zu werden.
1851 distanziert sie sich von allen vor ihrer Konversion geschriebenen Werken und versucht Neuauflagen zu verhindern.
1854 gründet sie nach einem Noviziat im Kloster Angers das Stift "Zum guten Hirten" in Mainz, als Rettungsstätte für unverheiratete Mütter und finanziert es aus eigenen Mitteln. Sie lebt selbst im "Guten Hirten", in einer kleinen Kammer wie die gefallenen Mädchen. Sie schreibt nun Mariengedichte und historisch-apologetische Schriften.
1860-80 kehrt sie zum Roman zurück und verfaßt vierzehn "katholische Romane."
1880 stirbt sie.

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Der Finder möchte hier anonym bleiben. Als Arbeitsrichter frühzeitig vom Dienst suspendiert widmete er sich ganz dem Sammeln von Originalien der deutschen Filmgeschichte.

   

Julius Sonntag ist Literaturwissenschaftler an der Universität Kiel. 1985 schrieb er eine Monographie über die Literaturszene des Vormärz "Mehr Licht -Vormärz und Nachapril"

   

Vassili Freitag , Privatdozent am Medizin-
historischen Institut in Jena hat sich auf Hypnose spezialisiert.

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Was bisher geschah

Ein Sammler alter Filmdokumente erscheint mit einem Fund, den er als absolute Sensation ankündigt.

Stolz präsentiert er drei Filmbüchsen mit spärlichen Resten aus einem Schneideraum und dazu eine abenteuerliche Theorie.
Die Filmstreifen (mit Synchronklappen, wie sie während Dreharbeiten zu Beginn jeder Aufnahme geschlagen werden und beim Schnitt im Abfall landen) seien Fragmente des definitiv letzten NS Spielfilms und "Na du weißt schon wer" soll höchst persönlich im April 45 Regie bei diesem Unternehmen geführt haben.
Alle mühsam entschlüsselten Teilchen, deuteten darauf hin, daß man es mit einer Art "Filmischem Vermächtnis" des "Unaussprechlichen" zu tun zu habe.
Zentrale Figur der Handlung sei die mecklenburgische Gräfin Ida Hahn-Hahn, die im 19.jahrhundert als Schriftstellerin Aufmerksamkeit fand und die nach einer Augenoperation erblindete.
Warum man ausgerechnet ihr das wohl "gewaltigste und aufwendigste Filmprojekt des Dritten Reiches" gewidmet haben soll, kann der Finder auch nicht erklären.
Erklären konnte er plötzlich überhaupt nichts mehr denn er verschwand und mit ihm Filmbüchsen und Schneidetisch. Wohin weiß niemand.
Floh er nach Übersee oder entführten ihn braune Banden? Wir haben lange gerätselt aber inzwischen sind wir schlauer. (Teil1*)


Julius Sonntag hat sich als Literaturwissenschaftler mit Ida Hahn Hahn und ihren schreibenden Zeitgenossen auseinandergesetzt.

Über lange Jahre hegt er Briefkontakt in den Osten zu Freitag einem Wissenschaftler aus Jena mit dem Fachgebiet Hypnose.
Nach der Wiedervereinigung der beiden Deutschen Hälften, treten sie eine seit langem geplante Reise ins Mecklenburgische an. Sonntag auf den Spuren der Gräfin, und ihrer Erblindung, Freitag wünscht Pasewalk zu besuchen.
Hier will Hitler, im 1.Weltkrieg vorrüber gehend nach einem Giftgasangriff erblindet, in einem Lazaret eines seiner "Erweckungserlebnisse" gehabt haben.
Beide Reisende haben ihre Theorie zur "Blindheit". Sonntag interessiert sich für "Selbstblender" Freitag für "Blender" bzw "Geheimblinde".
Wie schon der Sammler bekommen auch sie seltsame Botschaften in Form von Wörterbucheintragungen. Als Urheber dieser Texte gibt sich ein gewisser Rupert Mohnheim zu erkennen. Der war , bis er in den fünfziger Jahren verschwand, als "Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Dunkelfeldtherapie" tätig.
Vor dem ehemaligen Haus Mohnheims folgen sie dessen Einladung und besteigen einen Wagen.
Wohin sie der Wagen bringt wissen Sonntag und Freitag nicht. Sie verlassen Jena, schweigen und sind gespannt auf das, was sie erwartet. (Teil2*)

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Alle Tafeln des Wörterbuchs

10 AUGE*
09 AUG hua-Höhe*
08 HAUS-HAUT-HODEN*
07 ALLEGORIE*
06 (leider verschollen)*
05 BILD*
04 WERK*
03 DRAK*
02 HALLUCINATION*
01 ILLUSION*
00 GEHEIMNIS*

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Julius Sonntag besitzt ein Buch, von dem offenbar nur ein Exemplar existiert.
Keine große Bibliothek hat es, keine Bibliographie verzeichnet es.
Ein Archäologe namens Ed.van Waaren hat es geschrieben.

Das Buch heißt "Pyrophilus. Aufgaben einer künftigen Sinnenwissenschaft als Bedeutungskartell." 1834 erschienen. Ein schönes Buch. Ein komisches Buch. Dieser van Waaren, von dem man nur weiß, daß er Mitglied des Archäologischen Instituts in Rom war,hat seinem Buch ein Motto vorangestellt, das heißt: "Vermutung: wir erblinden."
Es handelt von den fünf Sinnen, die nicht nur ein eigenwilliges "Bedeutungskartell" bilden, sondern auch neu definiert werden.
Der Riechsinn, der Sehsinn, der Hörsinn, der Eigensinn und der Gemeinsinn sind nach van Waaren "Einstülpungen" der "Ausformungen" Nase *nas-, Auge *oku- , Ohr *ausan-, Haut *(s)keut- und Herz (oder "Seele") *kerd-.
"Die Formen", schreibt van Waaren, "die diese Sinne angenommen haben, oder die ihnen von ihrer jeweiligen Polarität aufgedrungen - eingebildet - wurden, sollen uns mehr beschäftigen als das, wozu sie angeblich dienen."
"Die Nase als Ragendes, das Auge als Kugliges, das Ohr als Gewölbtes, die Haut als Ausgespanntes, die Seele als Pulvriges (Ausgestreutes) - begreifen!"

"Philologie und Physiognomik", sagt van Waaren, "die Lehre von der Bilderschrift und der Gesichtsschrift, werden eines fernen Tages zu einer Lehre vom Aussehen führen.
Dann wird uns das Eben-Bild erscheinen. Dann wird man verstehen, was ein Bild ist und warum die Lautgestalt bil-d in den Anfängen unserer und jeder der unsrigen verwandten Sprache "Unterschied" bedeutet.
Man wird auch verstehen, warum blin-d nichts anderes als eine Verstellung von bil-d ist: aber wie könnte die Verstellung von "Unterschied" heißen?
Grundzüge einer Methodik zur Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen möchte meine Schrift bereitstellen, um mit ihr die Aufgaben einer künftigen Sinnenwissenschaft zu umreißen.
Zwischen der heutigen Zeit und einer kommenden, die den Ursinn von
bil-d als Unterscheider beherzigt, wird allerdings ein Ozean von Bildern liegen, eine Wüste von Bildern, ein Luftmeer voller Bilder, und wie Mühlsteine in den Wellen, wie Brunnen in den Dünen, wie Rauch in den Winden werden unsere Sinne in Bildern versinken.
Wir werden erfahren, daß wir Bilder nicht mehr unterscheiden können. Wir werden den Unterscheider verloren haben und ersetzen müssen. Ersatz kommt immer aus dem Ur-Sinn. Aus dem Urlaut füllt sich jedes spätere Wort im Hall, gespeist von einer sehr materiellen Pump-Linie, denn was ist klingender und wirksamer als der im Anfang in den Hall versenkte Laut, den wir ebenso laut hören wie unser Urvater zur Zeit des Urvaters Adam ihn hörte?
In der kommenen Civilisation wird jedes bil-d nur auf das Auge hin gedeutet werden; der alte Laut wird die Aufmerksamkeit des Einklangs durchstechen wie das Grelle durchs Auge direkt ins Gehirn fährt, seine stets dämpfend-kalibrierende Aufmerksamkeit überrascht und für kurze Zeit in die Konfusion des ersten Lichts, der Urblendung oder Urbelichtung, hinauswirft.
Von dort aus sind wir ja nebenbei bemerkt in unsere Urgehirnkammer hineinversenkt worden. Die um das Auge versammelte, in Bildern versunkene Civilisation wird die Bilder im Unterschiedlosen vergötzen müssen; Vergötzung ist Ausbleichung des Göttlichen. Die Bilder müssen verblassen. Dann beginnt eine lange Zeit der Blindheit."

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