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Erschrecken und Aufklärung
Die Fotos von Abu Graib
Von Dirk Knipphals / Deutschlandradio 10.05.2004

Fast zwei Wochen gehen die Fotos aus dem Militärgefängnis Abu Graib jetzt schon um die Welt. Und es ist keineswegs so, dass ihre Wirkung allmählich nachlassen würde. Im Gegenteil. Mit jedem Tag wird deutlicher, dass die Bilder über den Kontext von Krieg und Folter, der schon schlimm genug ist, sogar noch hinausweisen. Sie berühren Fragen nach der Zivilisiertheit des Westens. Sie stellen unser Selbstverständnis in Frage. Man kann es auch so formulieren: Je länger wir auf die Bilder aus Abu Graib blicken, desto unerbittlicher blicken sie auf uns zurück. Und was uns aus ihnen entgegenstarrt, ist die Fratze einer pervers gewordenen Zivilisation - leider der eigenen.

Von da her rührt die Empörung, die derzeit in den Medien, aber auch in privaten Gesprächen förmlich mit Händen zu greifen ist. Es existiert beinahe ein kategorischer Imperativ: Man muss sich von diesen Bildern distanzieren. Weil das die einzige Möglichkeit ist, sich selbst als zivilisierter Bewohner dieser Welt verstehen zu können.

Es ist nun gar nicht so einfach, bei der Analyse dieser Bilder auf der Höhe der Empörung zu bleiben, die die Fotos gleichsam unmittelbar in einem auslösen. Ich glaube, es führt weiter, wenn man sich den Moment des Zivilisationsbruches einmal genauer anschaut. Den geringsten Punkt dürfte dabei noch ausmachen, dass diese Bilder die Modelle eines aseptischen Krieges ad absurdum führen, die vom US-Militär lanciert worden sind. Mit diesen Modellen von einem zivilisierten Krieg ist die amerikanische Armee im Irak in die Schlacht gegen das Böse gezogen. Es war dann die Rolle von Fotos, daran zu erinnern, dass auch an diesem Krieg Körper beteiligt sind. Die neue Ebene, die nun die Bilder aus Abu Graib hinzubringen, ist die der Psychologie. Sie machen mehr als deutlich, dass auch Psychen im Krieg Verletzungen erleiden - insofern ist es mit den vollmundigen Ankündigungen eines cleanen, eines zivilisierten Krieges nicht weit her.

Es ist ja überhaupt erstaunlich, wieweit man bei diesen Bildern mit dem Versuch der Rollenübernahme einer irakischen Perspektive kommt. Dass sexuelle Demütigungen in ihr eine geradezu ausgesuchte Perfidie darstellen, das ist nahezu evident. Wenn man zudem die grandiose Recherche des amerikanischen Journalisten Seymour Hersh in der Zeitschrift New Yorker gelesen hat, wird deutlich: Diese Übergriffe gehen keinesfalls nur auf das Konto einzelner Soldaten; sie sind, wenn nicht direkt angeordnet, so doch von vorgesetzten Stellen motiviert worden. Und zwar offenbar, weil man erkannt hat, dass mit sexuellen Demütigungen die irakischen Gefangenen am leichtesten zu brechen sind. Das aber lässt nicht auf ein pervers entgrenztes, sondern gerade auf ein vollkommen zweckrationales Verhalten schließen. Bloß, dass sich dies Verhalten als durch und durch barbarisch darstellt. Es ist wirklich kein Wunder, dass das gesamte Zivilisierungsprogramm des Irak durch die USA im Moment in eine schwere Legitimationskrise geraten ist. Die eigene Militärgerichtsbarkeit im Irak in zivilisierten Bahnen zu halten, das zumindest haben die Amerikaner schon mal nicht geschafft.

Es kommt hinzu, dass diese Demütigungen auch noch fotografiert worden sind. In diesen Bildern liegt ein ganz eigener Zivilisationsbruch. Er liegt noch nicht einmal darin, dass die Fotos ein immenses Hintergrundwissen an pornografischen Bildern erkennen lassen. Die sadomasochistische Phantasie, die sich hier austobt, ist ja nicht zu übersehen. Nun ist es Teil der liberalen westlichen Zivilisation, solche Phantasien durchaus zuzulassen - aber eben nur als Phantasien im Rahmen von Filmen oder Büchern oder aber als sexuelle Praktiken, wenn alle Beteiligten einverstanden sind. In Abu Graib wurde das, was die westliche Zivilisation ins Reich der Fiktion und der Verhandlungsmoral verweist, gnadenlos in die Realität umgesetzt. Nicht die sexuelle Inszenierung als solche ist hier also ein Zivilisationsbruch. Aber dass die Körper der Gefangenen zum Material einer solchen Inszenierung degradiert wurden, das ist durchaus einer. So ist nicht nur die Behandlung der Gefangenen ein Verbrechen. Die Bilder selbst sind auch eins.

Es ist ganz gewiss kein Trost, aber einen nicht gänzlich katastrophalen Aspekt gibt es noch: denjenigen, dass man nicht allein ist mit seiner Empörung. Vielmehr ist diese Empfindung weltweit, fast kann man von einer Globalisierung der Empathie sprechen. Der Philosoph Immanuel Kant schrieb vor 200 Jahren, dass die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde längst an allen Plätzen der Erde gefühlt werde. Und er wertete dies als Hinweis darauf, dass wir uns in einer kontinuierlichen Annäherung an ein funktionierendes Völkerrecht und durchgesetzte Menschenrechte befinden.
Wenn Kant recht hat, hat die Empörung im Fall der Bilder von Abu Graib also durchaus zivilisierende Tendenzen. Aber sie würden sich eben nicht durch, sondern gegen die amerikanische Regierung durchsetzen.

Dirk Knipphals, geboren 1963, hat Germanistik und Philosophie in Kiel und Hamburg studiert. 1994 Kulturredakteur der "taz hamburg". 1996 bis 1999 beim "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt", zuletzt als Ressortleiter Kultur und Gesellschaft. Ab 1999 Literaturredakteur der "tageszeitung". Dirk Knipphals lebt in Berlin.