KLEINE GESCHICHTE DER FOTOGRAFIE   DER STRANGULIERTE BLICK PICATRIX HOME  

 

Blickte man auf eine der frühen Daguerreotypien, so sah man als erstes sich selbst. Wie ein Spiegel reflektierte die polierte Oberfläche der Metallplatte das eigene Gesicht. Erst mit dem Bewegen der Platte (oder des Kopfes) erschien unruhig, schwer zu fixieren, wie in einem Schwebezustand, das photographische Bild.

Kaum war es gelungen die fotographische Schicht auf Papier zu bannen da wurde auch schon an der Durchdringung des beruhigten Bildmaterials gearbeitet um die Illusion von Räumlichkeit und somit einen weiteren Schwebezustand zu schaffen.

Hierzu war aber erstmals ein Eingriff in den Wahrnehmungsapparat der Betrachter notwendig.

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde mit stereoscopischer Fotografie experimentiert, einem Verfahren, das auf der Kombination zweier Aufnahmen zu einem räumlichen Bild-Eindruck beruhte.

Mit speziellen Kameras wurden gleichzeitig zwei Aufnahmen aus den der menschlichen Augen entsprechenden Sichtachsen gemacht.
Betrachtet wurden sie durch ein Linsenstereoskop bei dem die Augen, eine ihrer gewohnten Achse entsprechende Aufnahmen zu sehen bekamen. Das Gehirn fügte beide Ansichten zusammen und es entstand die Illusion von Räumlichkeit. Der so in den fotografischen Prozeß eingespannte binokulare Gesichtssinn schien den Weg in das Bild frei zu räumen.
Der Betrachter stereofotografischer Aufnahmen hatte nun das Gefühl sich an den jeweiligen Ort der Aufnahme begeben , ihn räumlich erfassen, durchqueren zu können.

Schmerzloser Eingriff

Anders als bei den Panoramen*, in denen Rundumgemälde die Illusion von unbegrenzter Landschaftsansicht boten und der Betrachter sich hierzu nur in die Mitte eines kreisrunden Gebäudes zu begeben hatte, wurde bei der Stereofotografie erstmals in den Sehapparat eingegriffen um Illusion zu erzeugen. Als Betrachter lieferte man sich also, anders als vorher, unmittelbar einer technischen Apparatur aus.

Der Boom

Es gab praktisch nichts mehr, was nicht fotografiert wurde, um es dem stereofotografischen Blick zu unterziehen. (Wie die hier zu betrachtende Auswahl zeigt)
August Fuhrmann war ein Leo Kirch des neunzehnten Jahrhunderts. Nachdem er mit dem Versuch gescheitert war, via Telephon übertragene Konzerte populär zu machen, erkannte er den mit der Perfektionierung der Fotografie aufkommenden Bilderhunger und entwickelte das "Kaiserpanorama" zur Betrachtung stereoskopischer Aufnahmen.
Um einen hölzernen Zylinder mit knapp 5m Durchmesser fanden bis zu 25 Personen Platz. Durch Gucklöcher sah man von hinten durch Gaslicht beleuchtete Stereofotos exotischer Gegenden oder aktuellen Ereignissen. Der innere Zylinder drehte sich. Nach nur wenigen Minuten ertönte ein Klingelzeichen und die Aufnahmen wechselten.
Bis zu 2 Serien von je 50 Aufnahmen konnten so von allen Plätzen betrachtet werden.

"Die Anschauung ist das Fundament der Erkenntnis"

Fuhrmann schickte Fotografen in alle Teile der Erde und brachte ein Archiv von über 125000 Aufnahmen zusammen. Als Monopolist verkaufte er die Vorführapparatur und vermietete gegen Gebühr die Bilderserien.

Kleine Handgeräte und Guckkästen wurden später populär und erlaubten den Rückzug zur Betrachtung ins Private.

Mit der Verbesserung der Druckverfahren verschwanden die Kaiserpanoramen. Das Bedürfnis nach Aktualität dokumentarischer Fotos befriedigten jetzt die Zeitungen. Das Erleben räumlicher Illusion verlagerte sich in den privaten Bereich, den der Souvenierläden und Jahrmarktsbuden.

Mit den "Wochenschauen" im Kino begann eine neue Ära des kollektiven Blicks auf dokumentarische Bilder.

Das Kino, schwarzweiß und zweidimensional versetzte, indem es die Trägheit des Blicks ausnutze, über die Illusion von Bewegung das BILD in einen neuen Schwebezustand, von dem eine bis heute anhaltende Faszination ausgeht.

 

 
Kartonstereos von 1900
 
Japanische Geishas*
Im Irisgarten*
Bayrisches Hochland 1*
Bayrisches Hochland 2*
Im Atelier*
Im Atelier2*
Im Atelier3*
Seifenblasen*
Anton der Elephant*
Schneemann*
Hinterhofmusik*
Am Bach*
Am Bach2*
Weihnachtsbaum*
Reisigsammlerinnen*
Im Boudoir*
Schafherde*
Holzfäller*
Im Schlafgemach*
Panzerplatte*
Ziehen Sie das Popup-Fenster
mit den beiden Photos auf
Ihre Augenhöhe. Blicken Sie
mit etwa 40cm Abstand auf die Photos.
Entspannen Sie Ihren Blick, lassen Sie ihn durch die Abbildungen hindurch in die Ferne gleiten. Lassen Sie zu, dass Ihre Blickachsen sich wie beim Schielen zu verschieben beginnen.
Langsam müßten sich die beiden Aufnahmen übereinander bewegen und zu einer dreidimensionalen vereinen. Durch Veränderung des Abstands zum Bildschirm können sie die Schärfe nun regulieren.
Diese Prozedur läßt sich durch eine Pappe erleichtern, die Sie zwischen ihre Augen stellen, um die Aufnahmen voneinander getrennt zu sehen.
Eignen Sie sich überhaupt für
derlei räumliche Illusion?
Machen Sie hier einen Test*
Nach einer Weile sollte sich aus dem Muster die Skulptur
zweier Hasen lösen.

 © PICATRIX 2002